5. Juli 2008

Die Freiheit, zu sterben? Buch der Wozz-Stiftung / Angst vorm Pflegeheim

Die Freiheit haben, human zu sterben

Der Humanistische Verband Deutschlands (Bund) hat mitgeteilt, dass er sich an der Verbreitung des soeben erschienenen Buches "Wege zu einem humanen, selbst bestimmten Sterben" (Amsterdam, Juli 2008) von Pieter Admiraal, Boudewijn Chabot u. a. beteiligt. Das Buch enthält auch Wissen über den Gebrauch von suizidgeeigneten Medikamenten und stellt diese in ihrer deutschen Bezeichnung und ihrem möglichen Gebrauch detailliert vor. Der HVD hat mitgeteilt, er würde das Buch, das seit Montag per Internetbestellung für 25.- € Vorauszahlung für jeden Mann und jede Frau weltweit in deutscher Sprache erhältlich ist, auf Wunsch bereithalten für seine Mitglieder und Förderer, die beim HVD den Prozess einer sorgfältig aufgesetzten Patientenverfügung durchlaufen haben, sowie für Ärztinnen und Ärzte.

Dazu führte der hpd ein Interview mit dem Präsidenten des HVD, Dr. Horst Groschopp:

hpd: Befürchten Sie mit Ihrer Entscheidung nicht, als Sterbehilfeorganisation wahrgenommen zu werden?

Groschopp: Oft wird gesagt, der HVD sei ein Lebenskundeverein, andere wieder meinen, er sei ein Sozialverband, wieder andere sehen vor allem seine JugendFEIERn. Wir sind eine Weltanschauungsgemeinschaft mit breitem Profil. Ich betone dies deshalb, weil uns das Gesamtangebot wichtig ist für unsere Haltung zur Problematik. Und wir haben unsere Positionen zu Patientenverfügungen und zur Sterbehilfe in zahlreichen wissenschaftlichen Konferenzen (die wir auch dokumentieren) seit Jahren öffentlich vorgestellt, bis hin zur Mitarbeit in der "Kutzer-Kommission", unserer qualifizierten Stellungnahme zum Gesetzentwurf der Justizministerin Zypries …

Weiter siehe:
hpd Pressedienst

Direkt zur WOZZ-Stiftung und zur Bestellmöglichkeit von deren Publikation auf Deutsch hier: www.wozz.nl Essay zu einem verkannten Diskurs: Angst vor dem (Zweitbettzimmer im) Pflegeheim

"… Was wird aus mir, wenn ich nicht mehr so leben kann, wie ich will? Die Angst alter Menschen vor dem Pflegeheim speist sich vor allem aus der Sorge um den Verlust der Autonomie / Von Gerhard Schulze

Der medienwirksam inszenierte Selbstmord der Rentnerin Bettina S. hat einen Diskurs zum Vorschein gebracht, der von den zukünftig Betroffenen längst geführt wird. Er ist Bestandteil ihrer Alltagssorgen, und kein einziges gegenwärtig vorgebrachtes Argument wird daran etwas ändern. "Ich will nicht ins Pflegeheim. Unter keinen Umständen. Ich weiß, wie das ist, meine Mutter hat dort lange genug in ihrem Zimmer vor sich hin vegetiert. Wie erreichen wir, dass ich sterbe, bevor es so weit ist? Hilfst du mir dabei? Kennen wir jemand, der uns beisteht?"

Unter älteren Menschen ist das Wann und Wie des Sterbens kein Tabuthema mehr. Wie sollte es das auch sein, bei all den Berichten über wehrlose, jahrelang ans Bett gefesselte Patienten, am Leben gehalten durch eine Magensonde, einen Lebenswunsch pauschal unterstellt? Und jetzt auch noch das: der Freitod einer relativ gesunden Frau, "nur" aufgrund des drohenden Verlustes ihres bis dahin freien und selbst bestimmten Lebens. Die moralisch Entrüsteten verteufeln solche Suizide und appellieren an das Gewissen der Nation. Es müsse doch möglich sein, auch Siechtum und Verfall als Geschenk des Lebens zu empfinden, man solle nur an Papst Johannes Paul II. denken, der allen gezeigt hat, wie man das macht.

Trotz solch einer frohen Botschaft lesen wir, dass die Selbstmordrate bei über 65-jährigen stetig zunimmt. …
Quelle: www.welt.de: Im Gefängnis

"Zwei Drittel der Menschen würden Sterbehilfe in Anspruch nehmen Die Inanspruchnahme von Sterbehilfe würden fast zwei Drittel der insgesamt 1.000 befragten NRW-Bürger für sich selbst in Erwägung ziehen. Lediglich 10 % sprechen sich dagegen aus und mehr als ein Viertel macht hierzu lieber keine Angabe.

Knapp zwei Drittel der Menschen finden das Thema Sterbehilfe "viel zu kompliziert und heikel, um da mit einfachen Antworten zu reagieren". Man ist sich also der damit verbundenen Schwierigkeiten und der Komplexität bewusst und bleibt vorsichtig.

Dass "man Menschen ernst nehmen sollte, die den Wunsch haben zu sterben", bejahen annähernd alle Befragten (91 %). Demnach sollte in Hinblick auf die Inanspruchnahme von Sterbehilfe jeder Mensch das Recht auf Selbstbestimmung haben. Auch wenn es um die Situation der eigenen Person geht, sind sich die 1.000 befragten Menschen zwischen 18 und 70 Jahren grundsätzlich einig. Denn "bevor sie bewusstlos dahin vegetieren", wären 77 % der Befragten "dankbar, wenn jemand ihr Leben beendet". Hier zeigen sich die Personen ab 50 Jahren mit einem Anteil von mind. 82 % deutlich dankbarer, als die unter 30-jährigen (72 %). Jedem Menschen "das Recht auf Selbstmord" zuzugestehen, teilt die Geister dahingegen schon deutlicher. Hier stimmen nur etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer zu. Jeweils ungefähr ein Viertel äußert sich nicht zu dieser Aussage bzw. lehnt sie ab.

Auch die Bereitschaft der Bürger, für andere aktiv zu werden, ist relativ hoch. So würden mehr als die Hälfte den Kontakt zu einem Sterbehelfer herstellen und 36 % würden sogar die Medikamente besorgen. Die Bitte des Kranken abzulehnen, kommt für nur 11 % der Teilnehmer in Frage.

(Es wurden Anfang Juli 2008 1.007 repräsentativ ausgewählte Menschen aus NRW zwischen 14 und 70 Jahren befragt.)
Quelle: INNOFACT AG Research & Consulting
Aus: www.zvk.org vom 14.07.2008