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Gen-Schere: Allzwecklösung oder Frankensteins Werkzeug?

4. Juni 2018

Manipulationen der Erbinformation mittels sogenannter Gen-Schere haben sich überraschenderweise als ebenso einfach, preisgünstig wie zielgenau erwiesen. Hoffnungen etwa für die Welternährung stehen Ängsten gegenüber, vor allem was die Anwendung am Menschen betrifft.

Gita Neumann, Dipl.-Psych.
Redakteurin des Newsletters Patientenverfügung gita.neumann@humanismus.de

Die Methode wird erst seit einigen Jahren angewandt. Doch bei Pflanzen und Tieren haben die Forscher bereits weitreichende Erfolge erzielt. Was für die meisten Laien schwer verständlich ist, ist ein relativ einfaches Verfahren, dessen sich in der Natur Bakterien immer schon bedient haben. Es musste allerdings erst von Wissenschafter_innen entdeckt werden: Durch den Einsatz eines Enzyms können ganz exakte Brüche beziehungsweise Schnitte in der Doppelhelix von Lebewesen verursacht werden – das sind die parallelen Leiter-Stränge mit Makromolekülen, die das Erbgut beinhalten.

Allmachtsphantasien und tiefsitzende Ängste

Das Verfahren ist längst zum Superstar der Biotechnologie aufgestiegen. Hype, also eine vielleicht unbegründete Begeisterung, sowie Allmachtsphantasien liegen angesichts dieser vermeintlichen „Wunderwaffe“ nahe: Von der Eindämmung der malariaübertragenden Mückenplage über die Züchtung von plastikfressenden Bakterien bis hin zu klimaresistenten Pflanzen für die Welternährung. Diese Methode beginnt seit einigen Jahren die Biotechnologie zu revolutionieren und wird auf internationaler Ebene auch Eingang in die (zunächst) therapeutische Anwendung beim Menschen finden – nur nach welchen Regularien und gesellschaftlichen Kontrollmechanismenus? Wie immer wird als Erstbegründung für die Forschung zunächst die Bekämpfung von schwersten Leiden angeführt, dann sind es auch weniger schlimme Schädigungen, dann die Vermeidung von unschön wirkenden Einschränkungen. Schließlich geht es um die Verbesserung von Fähigkeiten und ein Aussehen nach Wunsch. Dass die Grenzen fließend sind und nur schwer zu ziehen sein werden, kann kaum jemand bezweifeln.

Die beflügelte Phantasie weckt auch tiefsitzende Ängste. Dabei ist den meisten Menschen und auch unseren Politikern überhaupt nicht klar, was die Gen-Schere alles vermag. Neben sinnvollen Eingriffen können das eben auch ethisch höchst problematische Manipulationen sein. Das neue Werkzeug arbeitet viel präziser als die herkömmlichen Methoden der Gentechnik. So einfach, schnell und preiswert wie noch nie findet die Schere jede angepeilte Stelle in der Doppelhelix. Dort zerschneidet sie eine bestimmte Erbanlage, entfernt oder verändert sie und repariert dann das Gen.

Von der ersten Forschergeneration in der Landwirschaft wurden mit Bakterien fremde Gene sozusagen noch mit einem streuenden „Schrotgewehr“ in Nutzpflanzen eingeschleust, heute geht das mit einer sehr zielführenden und -genauen Schere. Ihr seltsamer Fachname lautet CRISPR/Cas (9), was auf Deutsch etwa wie „krispe(a)r-kahs“ ausgesprochen wird. Mit der Allzweck-Gen-Schere lässt sich die Erbsubstanz wie ein Text umschreiben, was auch „editieren“ (Gen-editing) genannt wird. Wir haben es mit einem biotechnologische Potential zu tun, welches die Welt, das Leben an sich und das Menschsein grundlegend verändern könnte.

Designer-Babies und Eingriffe in die Evolution

Das Verfahren entfacht bei Forschern Euphorie und bei den Konzernen die Erwartung auf exorbitante Kursgewinne. Die Allzeck-Scherenmethode kann bei allen Lebewesen oder Zellkulturen gleichermaßen leicht Anwendung finden. In einem “Nachbarschaftslabor“ in Brooklyn lässt sich beobachten, wie interessierte Laien ausgestattet mit einem „Werzeugkasten“ aus Pipette und Petrischale in Kursen lernen, einzelne Gene zu deaktivieren, andere Sequenzen einzubauen oder Bausteine auszutauschen. Tätig sind dort, berichtet n-tv.de/wissen, „Schüler und Lehrer, Künstler und Wissenschaftsfans. Sie bringen Mikroben zum Leuchten und veranlassen Pilze, schädlichen Smog in ungiftige Gase zu spalten.“ Längst soll eine genmanipulierte Maus für 30 Dollar mit nur zwei– bis dreiwöchiger Wartezeit zu haben sein.

CRISPR/Cas könnte aber auch im Kampf gegen schwere Krankheiten wie Aids oder Formen von Krebs helfen. Versuche zu Forschungszwecken, menschliche Embryonen so zu verändern, dass schädliche Erbkrankheiten aus der Keimbahn verschwinden, werden bereits in den USA und China sowie auch in Schweden und Großbritannien durchgeführt. Noch werden die zu Forschungszwecken manipulierten Embryos anschließend vernichtet. Doch wie lange wird es noch dauern, bis es genmanipulierte und dann auch nach Belieben designte Babys gibt? In Deutschland ist die Forschung an Embryonen, bei denen es sich auch um nur Tage alte „Zellhäufchen“ handeln kann, seit fast 30 Jahren verboten. Ist unsere immer schon umstrittene, sehr strikte Schutzregelung noch zeitgemäß?

Es gibt vielfältige Vorbehalte gegen die Gen-Schere – sowohl die ideologisch-religiös bedingte Ablehnung jeden Eingriffs in die göttliche Schöpfung als auch gut begründete Bedenken. Wie weit wäre es dann zu Menschen mit veränderten nicht-medizinischen Eigenschaften, was Intelligenz, Ausdauer, Attraktivität, Agressivität oder Sanftmütigkeit betrifft? Wie kann einer unbeschränkten Kommerzialisierung und der Patentierung von – auch spezienübergreifenden – neuen Lebewesen durch die  CRISPR/Cas-Methode Einhalt geboten werden? Letztendlich könnte die Evolution beeinflusst werden – wer würde eine wünschenswerte Richtung bestimmen?

Kürzlich beschäftigte sich auch der Deutsche Ethikrat eher skeptisch mit CRISPR/Cas. Dabei ist eine grundsätzliche Unterscheidung wichtig: Handelt es sich um einen Eingriff in eine normale Körperzelle, um einen bestimmten Defekt zu reparieren, sehen viele Ethiker darin nichts anderes als eine Heiltherapie. Anders verhält es sich jedoch, wenn Gen-Scheren bei einer Ei- oder Spermazelle so eingesetzt werden, dass das menschliche Genom für alle Nachkommen verändert wird. Der Vorsitzende des deutschen Ethikrates, Prof. Peter Dabrock, forderte die Politik im internationalen Rahmen zum Kontrollhandeln auf: „Wir sind an einem Punkt, an dem man sich zu den Möglichkeiten von CRISPR/Cas9 nicht nicht verhalten kann.“

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