Die Qual der Wahl – welche Patientenverfügung (PV) ist für mich die richtige?

Übersichtstabelle mit Qualitäts- und Gebührenvergleich (Stand 2015):

Die wichtigsten staatlichen und gemeinnützigen PV-Angebote

Wollten Sie auch immer schon für den medizinischen Notfall vorsorgen – wissen aber nicht, welche Materialien oder Muster Sie zugrunde legen sollen? Kein Wunder, denn es gibt allein hier aufgeführt über 250 Angebote von Vereinen, Gesellschaften und Körperschaften. Es bestehen erhebliche inhaltliche Unterschiede. Diese werden jedoch erst bei Schwierigkeiten in der Umsetzung der PV deutlich – dann leider zu spät. Die "richtige" Auswahl zu treffen ist in diesem "Angebotsdschungel" unmöglich. Deshalb werden Ihnen hier nur die in Fachkreisen und Medien (wie etwa im Magazin Anwaltauskunft) meist genannten Modelle vorgestellt. Deren Qualitäts-Unterschiede beziehen sich auf Aussagekraft, Individualität und Reichweite der Situationsbeschreibungen – somit in einem Wort auf die Praxistauglichkeit.

In der folgenden Übersichtstabelle finden Sie garantiert das für Sie passende Angebot: Vom einfachen, kostenfreien Ankreuzformular bis hin zur maßgeschneiderten, medizinisch-fachkundig erstellten Patientenverfügung für max. 140 Euro inkl. Beratung. Mehr müssen Sie nicht ausgeben, die Qualität wird dadurch keinesfalls besser – oft genug ist sie bei gewerblichen Gebühren ab 200–250 Euro sogar schlechter.

Ausgangsfrage, die Sie sich stellen sollten (egal, ob Sie kerngesund oder schwerkrank sind):

  • Möchte ich mich ausführlich mit Fragen um Lebensende, Demenz, Schwerstpflegebedürftigkeit und humanem Sterben beschäftigen und eine "wasserdichte" Vorsorge für alle Fälle späterer Einwilligungsunfähigkeit abfassen? Bin ich bereit, für eine optimal maßgeschneiderte PV medizinisch-fachkundige Hilfe in Anspruch zu nehmen? (Gebühr bis 140 Euro) – siehe Modell Nr. 1
  • Soll ich mir lieber eine erweiterte Standard-PV selbst erstellen (kostenfrei) oder zu einer geringen Gebühr unterschriftsreif anfertigen lassen? (36 Euro; wenn nicht online übermittelt 50 Euro) – siehe Modell Nr. 2
  • Reicht für meine Bevollmächtigten nicht ein einfaches Ankreuzformular bzw. ein Pauschalvordruck? (kostenfrei) – siehe Modell Nr. 3

Drei Grundmodelle und einzelne Bewertungen

 

 

3 Grundmodelle *

(Nr. 1, Nr. 2, Nr. 3)

Verfahren, Einbezug von indivi­duellen Wertvorstellungen

Reichweite ** / Name / Niveau

Besonderheiten (eventuelle Vorbehalte und Risiken)

Anbieter

 

Ursprüngliches Konzept („Vorbild") und ggf. weitere Entwicklung und heutige Bewertung

Bearbeitungsgebühren/ Broschüren/kostenfreie Downloads

jeweils inkl. Vollmachten oder auch Betreuungs-Vorsorge-Formular, sofern nicht anders angegeben.

Modell Nr. 1

Fachkundig erstellte, individuell
maßgeschneiderte PV

Fachkundig erstellt auf medizin-ethischer Basis

Alle persönlichen Abwägungen, Wünsche, Wertvorstellungen, ggf. Krankheitsbilder und Prognosen sind im Dokument inbegriffen

Beratungs- und Auswertungsprozess inbegriffen, keine „schnelle Lösung"

Zusendung der fertigen PV per Post (Wartezeit je nach Beratungsbedarf)

Hohes Niveau, gut bis sehr gut

"Optimale Patienten­verfügung" (OPV)

Keinerlei Reichweiten­beschränkung (außer illegaler Tötung auf Verlangen), auch Option zur (ärztlichen) Suizidhilfe

Zugrundeliegende Wertanamnese mit Abwägungs­möglichkeiten

Abfassung inkl. Beratung völlig ergebnisoffen und individuell maßgeschneidert.

Zahlreiche Referenzen

Nachteil: aufwändig, anspruchsvoll – kann ggf. auch überfordern.


Bundeszentralstelle Patienten­verfügung

Praxiserfahrung seit 1993, mit Hilfe medizinischer und juristischer Experten konzipiert, exklusiv vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) angeboten.

Neben der BMJ-Broschüre (s. u.) meist genannte und anerkannteste Empfehlung. Z. B. laut Verbrauchermagazin WISO 2015. Laut Verbraucher­magazin „Guter Rat" ist dieser Ansatz bedeutend „detaillierter und ausgefeilter" als der Ansatz der AG des BMJ (Bundesministerium der Justiz).

Seitdem beständig aktualisiert und weiterentwickelt gemäß Praxis­erfahrung mit klinischer Umsetzung von PV.

Einige Regionale Beratungsstellen, Zentralstelle in Berlin, bundesweit telefonischen Beratung


 


regulär 140 Euro /Paartarif je 100 Euro

(Reduzierung bei Sozialtarif möglich).

Unterschriftreifes Dokument nach Auswertung eines detaillierten OPV-Fragebogens und/oder Beratung hier (mit Glossar)

Direkt zum OPV-Fragebogen hier

(Vorsorge-)Vollmachten oder wahlweise eine Betreuungsverfügung werden zusamen mit unterschriftsreifem PV-Dokument mitgeschickt.

Modell Nr. 2

Textbausteine zum

S e l b s t-Erstellen einer erweiterten (Standard)-PV

Nehr oder weniger beschränkte Reichweite auf Standard-Situationen (in denen die PV dann gelten soll).

Mit Optionen zur Annahme oder Ablehnung genau bezeichneter Behandlungen für als "aussichtslos" geltenden schwersten Krankheits-Bilder.

Wertvorstellungen (z. B. zu Lebens­qualität bei Schwerst­pflege­be­dürftig­keit) und weitere mögliche Situa­tionen von Einwilligungsunfähigkeit müssen bei Bedarf selbst ergänzt werden



Mittleres Niveau, befriedigend bis gut

 

 

(ggf. mangelanfällig, da beim Selbstabfassen Fehler oder Ungereimtheiten einfließen können)

 
Reichweite: Textbausteine beschränkt auf "aussichtslose" Situationen (inkl. Koma und Demenz im Endstadium")





Problem: Wer erstellt daraus eine unterschriftsreife PV, sofern man es nicht selbst tun will?






Bundesministerium der Justiz (BMJ)

Von diesem eingesetzte inter­diszi­plinäre AG 2003/2004 konzipiert und veröffentlicht. Seitdem die meist verbreitete Vorlage, auch für Rechts­anwälte und Einrichtungen aller Art.

Teils geringfügig geändert und weiter entwickelt von Landesärztekammern v. a. durch:
 

Hamburger Ärztekammer (Vorsicht: Verzicht auf Dialyse und Antibiotika ist in der Vorlage ausgespart) oder

Ärztekammer Westfalen/Lippe

 

Ähnlich auch: Verbraucherzentralen

 




Kostenfreie Broschüre des BMJ
Druckvariante z. Zt. (Mai 2014) vergriffen

Download PV-Broschüre des BMJ

(ohne nutzbares PV-Formular!)

Vollmachten sind in einer separaten BMZ-Broschüre aufgeführt

 



Kostenfrei

(ohne nutzbares PV-Formular!)

Von den insgesamt 17 Landes­ärztekammern hier die 11 Landes­ärztekammern, die (jeweils unter­schiedliche!) PV-Vorlagen empfehlen und Broschüren anbieten.

Erstellen-L a s s e n einer erweiterten Standard-PV

Zusendung der fertigen, unterschriftsreifen Standard-PV per Post innerhalb weniger Tage

Mittleres Niveau, gut:

"Erweiterte Standard-PV"

Reichweite: "Aussichtslose" Situationen
sowie auch mittelschwere Demenz und
Gehirnschädigung, die nicht mit
Dauerbewusstlosigkeit einhergehen muss


V.I.S.I.T.E.-Hospizdienst /Palliativberatung / Humanistischer Verband Deutschlands

seit 2004, dann beständig weiterentwickelt und 2011 - 2015 aktualisiert von der Bundeszentralstelle Patientenverfügung des HVD. Mit diesen Materialien arbeiten inzwischen über 1000 Arztpraxen, Hospiz- und sonstige Gesundheitseinrichtrungen.

auch online ausfüllbar

mit HVD-Beratungsangeboten in mehreren Landesverbänden

Stand: 2015


Kostenfreier Download der Standard-PV-Broschüre mit Formularen

Zusendung dieser Kompakt­boschüre für ca. 4,45 Euro inkl. Porto, Bestellung hier

Angebot zur PV Erstellung inkl. fertig ausgefüllten (!) Vollmachten. Anbieter bittet um 50 Euro, wenn Angaben zur Erstel­lung in Papierform übermittelt werden.

Ermäßigungen (Sozialtarif) möglich.

36 Euro bei Online-Eingabe zur Erstellung.

Modell Nr. 3

Einfache PV
als fertige Vorlage oder Ankreuzvariante

Bei allen unter Nr. 3 aufgeführten Angeboten gilt:

Vorteil: Sofort selbst nutzbar, kostenfrei, schnell und einfach handhabbar.

Nachteil: Wenig aussagekräftig. Ohne Bevollmächtigte geht es nicht, die später einen Großteil der Entscheidungsverantwortung später zu tragen haben werden.

Die Reichweite ist mehr (besonders bei der "Christlicher Patientenvorsorge") oder weniger stark beschräkt.

 

 

 

 

 

Festlegungen zu anderen Krankheitsbildern, Wertvorstellungen und weitere Angaben (z. B. zu gewünschtem Sterbeort, Organ­spende, Konfliktregelung) müssen bei Bedarf auf Zusatzblatt ergänzt werden

Klassisches "Ja / Nein"-Ankreuz­modell für eingeschränkte Situationen



Ggf. problematisch: Von befriedigend bis mangelhaft

 

 

"Christliche Patientenvorsorge" 2011

Reichweite: Formularvorlage ist beschränkt auf Sterben und todesnahe Situation. Vorsicht: Sinnvoll nur, wenn im Dauerkoma und Endstadium von Demenz lebensverlängernde Maßnahmen beibehalten werden sollen (dafür gut geeignet)! Ansonsten: Kontraproduktiv (d. h. dann mangelhaft).

Wahlmöglichkeiten zum Ankreuzen sind nicht enthalten.

Fast alle Optionen der Vorgaben des Bundesministeriums der Justiz (s. o.) fehlen.

Deutsche Bischofskonferenz/Evangelische Kirche Deutschlands

Fertige Vorlage von 2011, ersetzt den Vorläufer der "Christlichen Patientenverfügung" von 2003. Die Handreichung der Kirchen wurde Christliche Patientenvorsorge genannt, "weil sie sich von den Überzeugungen des christlichen Glaubens leiten lässt. Das Leben ist uns von Gott gegeben ..."

Auf den Begriff "Verfügung" wurde verzichtet, da das staatliche "PV-Gesetz" von 2009 nicht ausgeschöpft werden sollte. (Dagegen hatten die Kirchen ethische Bedenken gehäußert). Ihre neue Handreichung hat mit Erscheinen 2011 darüber eine kritische Debatte (pro und contra) ausgelöst,

Stand: 2011

Kostenfreier Download des Formulars:

Christliche Patientenvorsorge

nur mit "Gesundheits­vollmacht",

keine Vollmacht für finanzielle /rechtsgeschäftliche Angelegenheiten)

"Bayerische PV" von 2001

Reichweite: Deckt zwar Verzicht auf künstliche Ernährung im Dauerkoma und Endstadium einer Demenz ab. Enthält aber demgegenüber die missverständlich formulierte Forderung nach "Unterlassung lebenserhaltender Maßnahmen, die nur den Todeseintritt verzögern ... "

Der Verzicht auch auf lebens­verlängernde Maßnahmen wie Antibiotika bei Lungenentzündung ist nicht aufgeführt. Gehirnschädigungen außerhalb eines Komas bleiben vage. Deshalb mit Abstrichen allenfalls: Ausreichend.

Bayerisches Justizministerium

(von diesem eingesetzte interdisziplinäre AG, 2000).

Prototyp einer einfachen Ankreuzvariante

Wird deshalb von einigen Juristen nach wie vor als hilfreich und einfach handhabbar empfohlen.

Ist jetzt seit 12 Jahren unverändert geblieben.

Damals "fortschrittlich", aus heutiger Sicht insgesamt eher "überholt".

Stand: 2001

Kostenfreier Download

justiz.bayern.de

 

 

 

 

 

 

Weitgehend übernommen durch einige Justizministerien anderer Bundesländer

 

 

Enthält einige Ankreuz-Optionen zur Erweiterung von Situations­beschrei­bungen. Diese gehen sogar über die BMJ-Situations­beschreibungen hinaus.

Weitere Angaben und Wünsche (zu gewünschtem Sterbeort, Organ­spende, Konfliktregelung) sowie Wertvorstellungen und Krankheits­bilder müssen bei Bedarf auf Zusatzblatt ergänzt werden.

"Standard-PV 2013 plus ­– Ankreuzvariante"


Reichweite:

Abgedeckt sind "Aussichtslose" Situationen sowie auch mittel­schwere Demenz und Gehirn­schädigung, die nicht mit Dauer­bewusstlosigkeit einhergehen muss.


Deshalb: Befriedigend

Hospizdienst/ Palliativberatung V.I.S.I.T.E.

Standard-Formular mit einigen Ankreuzmöglichkeiten zur Erweiterung

In der Reichweite erweitert und kontinuierlich verbessert auf ursprünglicher Grundlage der Bayerischen PV, einbezogen sind die wichtigsten Teile der BMJ-Vorlage

Stand: 2015

Kostenfreier Download

Formular der Ankreuzvariante

 

Vollmachten separat hier

 

* In den jeweiligen Grundmodelle werden in allen Angeboten Palliativmedizin und Schmerztherapie eingefordert, wobei auch die Inkaufnahme einer sterbeverkürzenden Nebenwirkung als Möglichkeit vorgesehen ist.

** Die Reichweite bezieht sich auf die Situationen, in denen die dann genannten lebensverlängernden Maßnahmen (inkl. Antibiotika und Dialyse) unterlassen werden sollen.


Bitte bedenken Sie: Was für den einen von Ihnen ungenügend ist, kann für den anderen durchaus gut und richtig sein. Denn es geht um Ihren subjektiven Anspruch, wie genau Sie sich für welche zukünftigen Situationen festlegen wollen. Selbstverständlich können bei einer PV-Vorlage mit größerer Reichweite nicht gewünschte Situationsbeschreibungen gestrichen bzw. nicht gewählt werden. Umgekehrt können z. B. bei der Christlichen PV weitere Situationen selbst hinzugefügt werden.

Alle Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies von den Nutzern nur in einem verschwindend geringen Maße "eigenmächtig" abgeändert wird. Insofern ist zu beachten:

Die Wahl einer Vorlage übt i. d. R. einen enormen Einfluss auf die möglichen Folgen der PV aus.

Hinweis auf weitere Übersichten und Angebote

Es gibt zigtausendfach im Umlauf befindliche sonstige Patientenverfügungstexte (von kommerziellen Anbietern aus dem Bürobedarfsladen bis zu Autoren von Büchern und Broschüren). Dabei kommen auch deren eigenen Vorstellungen zum Tragen (z. B. christliche oder weltlich-humanistische Anschauungen oder die Sicht einer bestimmten Interessengruppe). Eine unkommentierte Sammlung mit gut 250 Anbietern von A–Z (wie Aidshilfe bis Zeugen Jehovas) finden Sie auf dieser externen Seite: Verfügungsliste Ethikzentrum. Notare und Rechtsanwälte greifen heute in der Regel auf eine Standard-PV zurück (s. o. Modelle Nr. 2 und Nr. 3).

Die genannten Bearbeitungsgebühren beziehen sich nur auf "nicht-profitorientierte". kompetente Patientenberatungsstellen (Gemeinnützigkeit bedeutet dabei nicht zwangsläufig Gebührenfreiheit). Bei Ärzten kann für eine Beratung mit Anamnese zur individuellen Patienten­verfügung als ärztliche Gebühr bis zu 235 Euro (keine Kassenleistung!) berechnet werden. In der Höhe vergleichbar wären die Gebühren bei einem Rechtsanwalt.

Patientenschutzorganisationen können hier nicht berücksichtigt werden, wenn sie ihre PV-Materialien nicht öffentlich zugänglich machen, sondern nur bei Mitgliedschaft ausgeben.