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Angst vorm Zweibettzimmer im Pflegeheim – wie „im Gefängnis“

10. Mai 2014

Angst vorm Zweibettzimmer im Pflegeheim

Essay zu einem verkannten Diskurs: Angst vor dem (Zweitbettzimmer im) Pflegeheim

"… Was wird aus mir, wenn ich nicht mehr so leben kann, wie ich will? Die Angst alter Menschen vor dem Pflegeheim speist sich vor allem aus der Sorge um den Verlust der Autonomie / Von Gerhard Schulze

Der medienwirksam inszenierte Selbstmord der Rentnerin Bettina S. hat einen Diskurs zum Vorschein gebracht, der von den zukünftig Betroffenen längst geführt wird. Er ist Bestandteil ihrer Alltagssorgen, und kein einziges gegenwärtig vorgebrachtes Argument wird daran etwas ändern. "Ich will nicht ins Pflegeheim. Unter keinen Umständen. Ich weiß, wie das ist, meine Mutter hat dort lange genug in ihrem Zimmer vor sich hin vegetiert. Wie erreichen wir, dass ich sterbe, bevor es so weit ist? Hilfst du mir dabei? Kennen wir jemand, der uns beisteht?"

Unter älteren Menschen ist das Wann und Wie des Sterbens kein Tabuthema mehr. Wie sollte es das auch sein, bei all den Berichten über wehrlose, jahrelang ans Bett gefesselte Patienten, am Leben gehalten durch eine Magensonde, einen Lebenswunsch pauschal unterstellt? Und jetzt auch noch das: der Freitod einer relativ gesunden Frau, "nur" aufgrund des drohenden Verlustes ihres bis dahin freien und selbst bestimmten Lebens. Die moralisch Entrüsteten verteufeln solche Suizide und appellieren an das Gewissen der Nation. Es müsse doch möglich sein, auch Siechtum und Verfall als Geschenk des Lebens zu empfinden, man solle nur an Papst Johannes Paul II. denken, der allen gezeigt hat, wie man das macht.

Trotz solch einer frohen Botschaft lesen wir, dass die Selbstmordrate bei über 65-jährigen stetig zunimmt. … Quelle: www.welt.de: Im Gefängnis

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