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Assistierter Suizid und ärztliche Berufsordnung – Anläßlich des Dt. Ärztetages in Kiel

13. Mai 2011

Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Johann F. Spittler (Facharzt für Neurologie und Psychiatrie)

» Wird die Berufsordnung der Deutschen Ärzteschaft der Europäischen Menschenrechts-Konvention widersprechen?

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat – in Deutschland weitgehend unbemerkt – ein grundsätzlich bedeutsames Urteil gesprochen.

Die Bundesärztekammer hat Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung veröffentlicht, die in besonderen Einzelfällen einen ärztlich assistierten Suizid nicht mehr als dem ärztlichen Ethos widersprechend, sondern als “nicht ärztliche Aufgabe” einordnet. Diese Grundsätze bedeuten einen ethischen Rahmen, sind aber nicht berufsrechtlich nicht verbindlich. Zwei Landesärztekammern haben sich vehement gegen diese Neuformulierung der Grundsätze positioniert. Auf dem Deutschen Ärztetag wird über eine mögliche Änderung der Berufsordnung diskutiert werden. Werden sich die dort abstimmenden Ärzte der geltenden europäischen Rechtsprechung bewusst sein?

Der EGMR hat in dem nur auf französisch veröffentlichten Urteil “Haas c. Suisse” am 20.1.2011 das folgende Obiter dictum ausgesprochen:

50.  Comme la Cour a déjà eu loccasion de lobserver, la notion de « vie privée » est une notion large, non susceptible dune définition exhaustive. Elle recouvre lintégrité physique et morale de la personne (X et Y c. Pays-Bas, arrêt du 26 mars 1985, § 22, série A no 91). Elle peut parfois englober des aspects de lidentité physique et sociale dun individu (Mikuli c. Croatie, no 53176/99, § 53, CEDH 2002-I). Des éléments tels que, par exemple, le nom, lidentification sexuelle, lorientation sexuelle et la vie sexuelle relèvent de la sphère personnelle protégée par larticle 8 (voir, par exemple, arrêts B. c. France, 25 mars 1992, § 63, série A no 232-C, Burghartz c. Suisse, 22 février 1994, § 24, série A no 280-B, Dudgeon c. Royaume-Uni, 22 octobre 1981, § 41, série A no 45 et Laskey, Jaggard et Brown c. Royaume-Uni, 19 février 1997, § 36, Recueil des arrêts et décisions 1997-I). Cette disposition protège également le droit au développement personnel et le droit détablir et dentretenir des rapports avec dautres êtres humains et le monde extérieur (voir, par exemple, arrêts Burghartz, précité, avis de la Commission, § 47, et Friedl c. Autriche, 31 janvier 1995, série A no 305-B, avis de la Commission, p. 20, § 45). Dans laffaire Pretty c. Royaume-Uni (no 2346/02, § 67, CEDH 2002-III), la Cour a estimé que le choix de la requérante déviter ce qui, à ses yeux, constituerait une fin de vie indigne et pénible tombait dans le champ dapplication de larticle 8 de la Convention.

 

50.   (Eigene Übersetzung:)   Wie der Gerichtshof bereits Gelegenheit hatte zu betrachten, ist die Bedeutung von « Privatleben » eine weite Bedeutung, nicht geeignet für eine erschöpfende Definition. Es umfasst die körperliche und moralische Integrität der Person (). Es kann mitunter Aspekte der körperlichen und sozialen Identität des Individuums umfassen (). Solche Elemente wie, zum Beispiel, der Name, die sexuelle Identität, die sexuelle Orientierung und das Sexualleben werden mit eingeschlossen von der Persönlichkeitssphäre, die von Artikel 8 geschützt ist (). Diese Maßgabe schützt gleichermaßen das Recht zu einer persönlichen Entwicklung und das Recht, Kontakte zu anderen menschlichen und außerirdischen Wesen aufzunehmen und zu unterhalten (). In der Sache Pretty gegen das Vereinigte Königreich () hat der Gerichtshof für richtig gehalten, dass die Wahl der Petentin, das in ihren Augen unwürdige und mühselige Lebensende zu vermeiden, unter den Anwendungsbereich des Artikels 8 der Konvention fällt.

 

51.   A la lumière de cette jurisprudence, la Cour estime que le droit dun individu de décider de quelle manière et à quel moment sa vie doit prendre fin, à condition quil soit en mesure de forger librement sa propre volonté à ce propos et dagir en conséquence, est lun des aspects du droit au respect de sa vie privée au sens de larticle 8 de la Convention.

 

51.   (Eigene Übersetzung:)   Im Lichte dieser Rechtsprechung hält der Gerichtshof dafür, dass das Recht eines Individuums zu entscheiden, wie und in welchem Moment sein Leben enden soll, unter der Bedingung, dass es in der Lage ist, seinen eigenen Willen zu diesem Punkt zu begründen und entsprechend zu handeln, einer der Aspekte seines Rechts auf Achtung seines Privatlebens im Sinne von Art. 8 der Konvention ist.

 

Nach der sog. ARTICO-Rechtsprechung des EGMR besteht auch eine Verpflichtung der staatlichen Organe, welche die EMRK auslegen, dafür zu sorgen, dass diese Freiheit in jedem Falle praktisch und effizient und nicht etwa nur theoretisch oder gar illusorisch ist – so die Interpretation des St. Gallener Rechtsanwaltes Frank Th. Petermann.

 

Zur Erinnerung, der Artikel 8 der Europäischen Menschenrechts-Konvention lautet:

Gebot der Achtung der Privatsphäre

(1) Jedermann hat Anspruch auf Achtung seines Privat- und Familienlebens, seiner Wohnung und seines Briefverkehrs.

(2) Der Eingriff einer öffentlichen Behörde in die Ausübung dieses Rechts ist nur statthaft, insoweit dieser Eingriff gesetzlich vorgesehen ist und eine Maßnahme darstellt, die in einer demokratischen Gesellschaft für die nationale Sicherheit, die öffentliche Ruhe und Ordnung, das wirtschaftliche Wohl des Landes, die Verteidigung der Ordnung und zur Verhinderung von strafbaren Handlungen, zum Schutze der Gesundheit und der Moral oder zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer notwendig ist.

 

Wenn der Deutsche Ärztetag eine den Grundsätzen der Bundesärztekammer widersprechende Formulierung der Musterberufsordnung mit einer Pönalisierung des ärztlich assistierten Suizids beschließen sollte, würde das der vom Europäischen Gerichtshof vorgenommenen Auslegung des Artikels 8 der EMRK widersprechen.

 

Nach der von der Bundesärztekammer lange nur intern diskutierten Allensbach-Umfrage vom 18.2.2010 könnten sich 45 % der befragen, bereits einmal mit der Anfrage um eine Beihilfe konfrontierten Ärzte unter bestimmten Umständen eine Beihilfe bei einem Suizid vorstellen. Wer, wenn nicht Ärzte – in enger Kooperation mit ausgewiesenen Juristen – sollte die Verwirklichung dieses Menschenrechts auf ein selbstbestimmtes Lebensende ermöglichen?

 

Priv.-Doz. Dr. med. Johann F. Spittler

Facharzt für Neurologie und Psychiatrie

« (vom Mai 2011)

 


Weitere Stellungnahmen und offenen Briefe:

 

www.wernerschell.de/forum/ ärztliche Suizidhilfe

 

Offener Brief der DGHS-Präsidentin Elke Baezner an die Delegierten des Dt. Ärztetages: 

www.dghs.de/Offener_Brief_an_AErzte.pdf

 

 

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