Inhalte

Charité Patiententötungen: Sterbeumstände auf Intensivstation als Motiv?

10. November 2008

KONKRETE FRAGEN, DIE SICH ZU MOTIV und ZU STERBEBEDINGUNGEN AUF DER INTENSIVSTATION AUFDRÄNGEN:

1.) Zum Motiv der Krankenschwester Irene B.

BESCHREIBUNGEN ZUR PERSON UND ZITATE

Laut Medienberichten hat die inhaftierte Krankenschwester Irene B., die zwei Todkranke auf der kardiologischen Intensivstation mit einer Überdosis des Blutdrucksenkers Nitroprussid-Natrium tötete, Mitleid als Tatmotiv angegeben. Sie habe die Qualen in der Intensiv-Medizin nicht mehr ertragen, sagte die 54-jährige laut Bild-Zeitung vom Samstag in einem Verhör. (Siehe: http://focus.msn.de/panorama/welt/berliner-Charité_nid_36971.html)

Der Tagesspiegel vom 07.10. berichtet:
“ Zettel hängen an den Türen: Medienkontakt unerwünscht. Eine Nachbarin soll zuvor berichtet haben, Irene B. habe großen Anteil am Schicksal der krebskranken Schwester einer Freundin genommen. Sie habe sie besucht und über das Elend Schwerstkranker gesprochen. Eine 30-jährige, zwei Etagen über Irene B., möchte noch etwas klarstellen: „Sie ist wirklich ein lieber Mensch. Niemals würde sie absichtlich jemanden töten“, erzählt die blonde Frau. Irene B habe immer ein offenes Ohr gehabt für ihre Nachbarinnen. „Hier haben mehrere Frauen hintereinander Babys bekommen, und Frau B. hat sich immer erkundigt, wie es uns geht. Zur Geburt hat sie mir Babykleidung geschenkt“, sagt die Nachbarin. Bei einer so „herzensguten und für ihr Alter ganz flotten Frau“, wie sie sagt, könne man sich nicht vorstellen, dass sie ihren Job als Pflegekraft genutzt hat, um zu töten zumindest nicht ohne das Einverständnis der Patienten. „Ich würde sie gern im Gefängnis besuchen.“
Diesen Wunsch hat auch ihr Chef Prof. Baumann zum Ausdruck gebracht. Er hat inzwischen einen Besuchsantrag bei der Staatsanwaltschaft gestellt. Laut zdr-Magazin „heute“ vom 05.10. gab Baumann an: Die 54-jährige war bereits seit rund zehn Jahren in der Intensivstation der Kardiologie tätig und allen Mitarbeitern als sehr zuverlässige Kraft bekannt. „Ich habe die Schwester sehr geschätzt“, sagte der Mediziner. „Sie hat sich immer sehr um die schwer kranken Patienten gekümmert, und ich wusste diese Patienten bei ihr auch in guten Händen oder glaubte das zumindest zu wissen.“

Charité-Psychiaterin: Vorgeschobenes Mitgefühl

„Berlin Bei der Tötung von Patienten durch Krankenschwestern oder Pfleger schwingen sich die Täter oft „in einer Art größenwahnsinnigen Phantasie zu Herren über Leben und Tod auf“. Das sagte die Direktorin der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Isabella Heuser, am Freitag in einem dpa-Gespräch. „Mitleid und Mitgefühl sind aller Erfahrung nach nur vorgeschoben“, sagte Heuser. Die Täter würden auch handeln, wenn die schwer kranken Patienten ihren Pflegern nicht zu erkennen geben, dass sie ihr Siechtum beenden und sterben wollen. Gegen eine Charité-Krankenschwester wurde am Donnerstag wegen zweifachen Mordverdachts Haftbefehl erlassen. Heuser sagte weiter, die Täter seien vorher praktisch nicht auszumachen.
(Quelle: Kölner Stadtanzeiger vom 06.10., http://www.ksta.de/html/artikel/1160124080499.shtml)

FRAGEN:
Macht man es sich in diesem Fall nicht zu leicht, die Krankenschwester Irene B. in die bekannte Kategorie der Serienmorde und Patiententötungen einzugruppieren, bei denen in der Tat Mitleid nur vorgeschoben wird? Sind diese nicht in aller Regel wenig anerkannten Täter/innen zuzuordnen, die in der Pflegehierarchie weit unten stehen? Zeichnen sich diese nicht in der Regel durch überdurchschnittliche Unsicherheit, Selbstmitleid, gestörte Sozialkontakte und/oder auch „zynische“ Wortwahl aus? Muss es nicht stutzig machen, dass sich Irene B. stattdessen höchster Anerkennung durch Vorgesetzte und Kolleg/inn/en erfreute? Dass sie sich um die Sterbebegleitung sorgte? Könnte ein von sonstigen Serientäter/innen bekanntes vermeintliches Aufschwingen zu „größenwahnsinnigen Phantasie zu Herren über Leben und Tod“ hier nicht sogar einer vorschnellen Entlastung der Klinik dienlich sein? Wäre es nicht sinnvoller, auch über Sterbebedingungen im eigenen Haus nachzudenken statt festzustellen, solche Patiententötungen seien „vorher praktisch nicht auszumachen“?

2.) „Zu Sterbebedingungen und medizinischen Indikation der künstlichen Beatmung

FAKTEN UND ZITATE:

Bei den beiden Männer waren „schwerstkranke terminale Patienten“, bei denen sich die Klinik entschlossen habe, nur noch „lebenserhaltende Maßnahmen wie Beatmung“ anzuwenden. In DIE WELT vom 06.10. wird der Kardiologie-Direktor Professor Baumann zitiert: Die Intensivmediziner hätten keine „Therapie-Eskalation“ mehr veranlasst.

„Die Fälle waren aus medizinischer Sicht aussichtslos“, sagte der Direktor des betroffenen Zentrums für Innere Medizin, Gert Baumann. „Wir gingen davon aus, dass die Patienten innerhalb der nächsten zwei Wochen sterben würden.“ Sie wurden terminal bzw. palliativ „sediert“, befanden sich also durch Medikamente in einem Dämmerschlaf bis zum in etwa zwei Wochen zu erwartenden Tod.

FRAGEN:
Wer bestimmt den Unterschied zwischen „Therapie-Eskalation“ (was wäre das überhaupt? Eine völlig aussichtslose Operation?) und „lebenserhaltende Maßnahmen“ durch künstliche Beatmung? Gehört die künstliche Beatmung in diesem Fall überhaupt zu den noch indizierten Maßnahmen, ist dadurch nicht ein irreversibles Sterben künstlich verlängert worden? Sieht sich die Klinik aus rechtlichen oder sonstigen Gründen nicht in der Lage überhaupt in Erwägung zu ziehen, eine einmal begonnene künstliche Beatmung auch wieder zurückzunehmen? Würde eine eventuell vorhandene diesbezügliche Patientenverfügung von der Herzklinik beachtet? Hält sie die Verlegung auf eine Palliativstation (die es auf dem gleichen Charité-Campus gibt) oder Hospizstation allein deshalb für generell ausgeschlossen, weil dort die lebenserhaltende künstliche Beatmung nicht weiter durchzuführen wären? Ist eine kardiologische Intensivstation überhaupt der Ort, wo Patienten über Wochen eine fachlich angemessene und liebevolle Sterbepflege zu teil werden kann?

Laut Tagesspiegel vom 08.10. hat eine „neue Debatte über humanes Sterben“ eingesetzt. (Lokal)Politikerin, Berliner Ärztekammerpräsident und Hospiz-Leiterin fordern ein Umdenken bei der Begleitung von Todkranken: Siehe: Tagesspiegel vom 08.10. Linkname

print