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Cohn-Bendit zur Sterbehilfe: Grüne bisher zu christlich, zu wenig liberal

10. November 2008

Quelle: Das taz-Gespräch vom 06.06.2005

Zur Zukunft der GRÜNEN (INTERVIEW mit dem Europaabgeordneten der Grünen, Daniel COHN-BENDIT, von Peter Unfried stark gekürzt)

„taz: Herr Cohn-Bendit, was wird aus den Grünen?

Daniel Cohn-Bendit: Das kann ich Ihnen sagen: Die Grünen werden, so wie es aussieht, in die Opposition gehen. Dieser Wahlkampf muss ein reflexiver Wahlkampf sein. Und ein perspektivischer. Wir müssen sagen: Das machen wir politisch. Und wir müssen die gesellschaftliche Debatte eröffnen.

taz: Jenseits von Rot-Grün?

Cohn-Bendit: Ja. Es gibt keine rot-grüne Regierung mehr Schröder kämpft darum, mit Anstand abzugehen und die SPD in eine große Koalition zu führen. Und die SPD versucht, ihre Identität zu retten, indem sie sich in die Achtzigerjahre zurück beamt politisch, inhaltlich und auch eben in Bezug auf die Grünen.

taz: Haben Sie mehr zu bieten als Lagerwahlkampf?

Cohn-Bendit: Die Leute, die die Grünen in die Opposition wählen, müssen das im vollen Bewusstsein machen, dass hier ansatzweise wirklich die Fragen aufgegriffen werden, die unsere Zukunft betreffen. Die Grünen müssen auch zum Arbeitsmarkt zurückkommen, aber sie müssen klar machen, es gibt Irrwege. Der Ansatz der SPD und der traditionellen Linken ist ja die Rückkehr zum zentralisierten Arbeitsmarkt. Dahin kommen wir mit einer Wachstumspolitik, egal wie sie aussieht. Das sagt ja auch die CDU

Wir erarbeiten eine Position, die man in den folgenden Landtagswahlen übernehmen kann. wir müssen die Gesellschaft davon überzeugen, dass wir die Zukunft mit allen Problemen andenken. Die entscheidenden Begriffe sind: libertär, liberal, sozial, ökologisch. Libertär heißt: Wir müssen die Partei sein, die die Autonomie des Individuums nicht nur respektiert, sondern durch politisch-gesellschaftliche Vorschläge ermöglicht, sie auch zu leben.

taz: Was ist das Neue?

Cohn-Bendit: Nehmen Sie die Autonomie der Gestaltung des Lebensalters und des Todes. Das wird perspektivisch zu einem neuen Massenproblem. Das sind Dinge, die anfangen, viele meiner Generation herauszufordern wir müssen die gesamte Palette der persönlichen Freiheiten aufgreifen. Und zwar da, wo es schwierig wird. Zum Beispiel in der Frage der Sterbehilfe. Wir sind eine libertäre Partei, aber wenn es weh tut, sind wir christlich. Da sind zumindest Teile der Gesellschaft weiter
Die Grünen müssen im Parlament opponieren, aber sie müssen vor allem die gesellschaftliche Diskussion organisieren und umgestalten. Die eigentliche Diskussion, das hat mich beim EU-Referendum in Frankreich so fasziniert, findet im Internet statt, und zwar in einer wahnsinnigen Gewalt, Massenhaftigkeit und auch Inhaltlichkeit.

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