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Durch Selbsttötung dem Pflegeheim entgehen

10. November 2008

Aus: Berliner Zeitung vom 14.09.2004:

“Mit Selbstmord dem Pflegeheim entgehen Berliner Studie benennt Suizidmotive älterer Menschen Annett Otto

BERLIN, 13. September. “So ist kein Leben” schrieb ein 80-jähriger in einem Abschiedsbrief, bevor er sich das Leben nahm. Er konnte seinen Haushalt wegen einer schweren Tumorkrankheit nicht mehr führen. Abhängig von Pflegekräften, seiner Selbstständigkeit und Selbstbestimmung beraubt, sah er keine Hoffnung mehr. “Das sind die entscheidenden Motive älterer kranker Menschen, sich selbst zu töten”, sagt Peter Klostermann. Der Rechtsmediziner von der Berliner Charité untersuchte zwischen 1995 und 2003 130 Selbsttötungen von Menschen, die älter als 65 Jahre waren. Er verwendete Obduktionsdaten, polizeiliche Ermittlungsakten sowie 30 Abschiedsbriefe und Notizen Betroffener und konnte in wenigen Fällen auch die Angehörigen direkt befragen.

“Unmittelbarer Auslöser für einen Suizid waren schwere Erkrankungen, die die Mobilität stark einschränkten, und starke Schmerzen”, sagt Klostermann. Aus den Abschiedsbriefen der Betroffenen sei aber vor allem indirekt hervorgegangen, dass sie mit dem Suizid ihrer Einweisung in ein Pflegeheim zuvorkommen wollten. Die Schwerkranken wollten auf keinen Fall in einem Pflegeheim landen. Die Mehrheit der Betroffenen hatte dabei dauerhaften Kontakt zu den eigenen Kindern und Angehörigen. Dies waren in der Regel aber nur Kontakte, die auf die unmittelbare Versorgung der Schwerkranken ausgerichtet waren. Ihre psychischen Probleme blieben weitgehend unberücksichtigt. “Daher wäre der Großteil dieser alten Menschen in einem Alten- oder Pflegeheim weitaus besser versorgt und betreut worden, als dies ihren Angehörigen möglich war,” sagt Klostermann. Dem stehe jedoch das schlechte Image der Pflegeheime entgegen, die dringend etwas dagegen tun müssten, fordert er.

Aus den Unterlagen und Briefen sei auch hervorgegangen, dass ein Großteil der Selbstmörder unter Depressionen litt. Das Krankheitsbild Depression im Alter werde bislang unterschätzt. Einerseits würden Ärzte depressive Stimmungen älterer Menschen als etwas ganz Normales ansehen, da ihre Lebenssituation nun einmal eingeschränkt sei. Andererseits würden ältere Menschen häufig nur ungern fachärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, weil sie nicht als “geisteskrank” abgestempelt werden wollten, heißt es in der Studie. “Von den Ärzten wird dieses Thema kaum angesprochen”, beklagt Klostermann.

Beim Arzt wie im Pflegeheim müssten sich die Alten aber immer wieder anhören: Das kostet Zeit, das kostet Geld. Solange diese Diskussion aber Maßstab und Richtlinie für eine Betreuung kranker alter Menschen sei, werde dieser Personenkreis “auch weiterhin sich selbst überlassen bleiben”, so die Studie.”


Leserbrief an den NL Patientenverfügung:

Subject: Suizid alter Menschen 27.09.2004

” Es wäre doch eine neue psychische Erkrankung, wenn man glaubte, die Zustände in Pflegeheimen würden sich durch Psychopharmaka ändern. Die Zustände in Pflegeheimen und die Unsicherheit über die Rechtsverbindlichkeit der eigenen Patientenverfügung treibt alte Menschen geradezu in den Suizid. Wer nicht einmal sicher sein kann, dass sein Wille auf Unterlassung medizinischer Behandlung respektiert werden wird, hat doch nur den Weg in den Suizid, solange er ihn selbständig gehen kann.

Mit freundlichem Gruß, Edith Höltmann (71)


Alterssuizid nimmt zu

(er) Immer mehr alte Menschen wählen den Freitod: Von den jährlich etwa 13.000 Suizid-Toten in der Bundesrepublik ist mittlerweile fast jeder dritte älter als 65 Jahre. Die Suizidrate bei Männern über 75 Jahren stieg seit 1975 um 13,5 Prozent. Zunehmend sind auch ältere Frauen betroffen fast jeder zweite Suizid einer Frau ist mittlerweile der einer Frau über 60 Jahre.

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“Frauen nehmen Gift, Männer die Pistole

Im Jahr 2001 nahmen sich nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 3 370 Menschen, die älter als 65 Jahre waren, das Leben. Das waren 1,6 Prozent mehr als noch 2000.

Im Jahr 2002 stieg die Zahl der Suizide älterer Menschen erneut an: auf 3.534, das waren wiederum 4,6 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor.

In der Studie der Charité wurden die Suizide von 130 Menschen über 65 Jahren untersucht. 64 Prozent der älteren Menschen lebten zum Zeitpunkt der Selbsttötung allein. 62 Prozent dieser Suizide wurden in der eigenen Wohnung durchgeführt. Die meisten Frauen in den untersuchten Fällen vergifteten sich, die meisten Männer erschossen oder erhängten sich.” (Quelle: Berliner Zeitung vom 14.09.2004)

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