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Gravierende Zahl von Alterssuiziden: Ich bin alt, müde und habe genug

10. November 2008

Von Anika Geisler (Stern Heft 29, Juli 2008)

Fast jeder zweite Mensch, der sich in Deutschland das Leben nimmt, ist älter als 60 Jahre. Die Sterbehilfe des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch hat die Aufmerksamkeit aufs Tabuthema Suizid im Alter gelenkt. Krankheit, Einsamkeit und Angst vor dem Pflegeheim sind die häufigsten Gründe, die in Abschiedsbriefen genannt werden.

Es war kalt am 3. Januar 2008, ein Grad über null. Sie ging ohne Mütze und Handschuhe vor die Tür, es würde nicht lange dauern. Ida Schenkenberg hatte beschlossen, es draußen zu machen

Der unbedingte Wunsch zu sterben

Jedes Jahr töten sich in Deutschland rund 10.000 Menschen doppelt so viele, wie im Straßenverkehr sterben. 40 Prozent der Suizidenten sind älter als 60 Jahre, die Wahrscheinlichkeit steigt mit dem Alter. Rechnerisch scheidet alle zwei Stunden ein Mensch über 60 aus eigenem Antrieb aus dem Leben. Und jedes Mal sind im Durchschnitt sechs Angehörige aus dem näheren Umfeld davon betroffen. Dazu kommen ungezählte Fälle, die in keiner Suizidstatistik auftauchen, in denen ältere Menschen aufhören, ihre lebenswichtigen Medikamente einzunehmen, zur Blutwäsche zu gehen, zu essen oder zu trinken.

Das Phänomen Suizid im Alter ist so gravierend, dass Anfang des Jahres in Günzburg bei Ulm ein eigener wissenschaftlicher Kongress dazu stattfand. Mehrere Tage debattierten Psychologen, Psychiater, Internisten, Altersforscher, Gerichtsmediziner und Seelsorger über Ursachen und mögliche Lösungen.

Es gibt klare Merkmale, die Ältere, die einen Suizid versucht oder begangen haben, von jungen Menschen unterscheiden. „Der unbedingte Wunsch zu sterben das ist typisch für Selbsttötungen in Alter“, sagt Peter Klostermann, Soziologe und Referent der Fakultätsleitung der Berliner Charité. „Hochbetagte Menschen wollen nicht gefunden oder von der Putzfrau gerettet werden. Das unterscheidet sie von jüngeren Menschen, bei denen Suizidversuche oft Hilfeschreie sind, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Für seine Studie zu dem Thema untersuchte Klostermann 172 Fälle über 60-jähriger, die sich das Leben genommen hatten. Er sichtete Obduktionsprotokolle, Polizeiberichte und Zeugenaussagen, sah sich Fotos vom Tatort an, las die Abschiedsbriefe, sprach mit den Hinterbliebenen

Stern: Ich bin alt, müde

Siehe auch:

Der Hessische Arzt Dr. Winfried Beck ist ehemaliger Vorsitzender des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Er darf als „rebellisch“ bzw. „unstandesgemäß“ gelten. In einem Beitrag im Neuen Deutschland (vom 19.07.2008) „Den Wunsch der Betroffenen respektieren“ zeigt er bemerkenswertes Verständnis für Suizidwünsche:

« Nicht nur Schmerzen und unheilbare Krankheit kommen als Motiv in Frage, aus dem Leben scheiden zu wollen. Sind diese Menschen nicht auch in Not und auf Hilfe angewiesen? Sie dürfen genauso wenig allein gelassen werden wie Sterbende In einer Welt, die schon allein die Anerkennung eines solchen Wunsches negativ besetzt, bleibt diesen Menschen oft kein anderer Ausweg als der Sturz von einem Hochhaus, der Sprung vor die Bahn oder eine andere grausame, aus der Verzweiflung und Isolation geborene Methode der Selbsttötung, sofern sie dazu überhaupt in der Lage sind. Häufig scheitert der Versuch, so aus dem Leben zu gehen, bleiben dauerhaft Schäden, wächst die Verzweiflung. » Quelle: Dr. Beck: Den Wunsch der Betroffenen respektieren


Kommentar von Gita Neumann, Humanistischer Verband Deutschlands:

Fünf Punkte: Warum weder Hospizausbau noch moralische Empörung gegen Alterssuizid etwas bringen
am Beispiel der Bettina Sch., der Dr. Kusch zum Sterben verhalf

– Die moralisch Entrüsteten verteufeln jede humane Möglichkeit der Hilfe und Begleitung zur bewussten Lebensverkürzung. Sie appellieren an das Gewissen der Nation, die Hospizbewegung auszubauen. Dabei muss klar gestellt werden: Bettina Sch. mit ihrer lediglich altersbedingten Einschränkung hätte in keinem der 158 stationären deutschen Hospize oder 156 Palliativstationen Aufnahme gefunden. Sie wäre auch von keinem der über 1.100 ambulanten Hospizdienste betreut worden. Selbst dann nicht, wenn es 10-mal soviel dieser Einrichtungen gäbe. Der Grund: Ihre Lebenserwartung war noch viel zu hoch.

– Es geht beim Alterssuizid nicht um den Sterbewunsch im Endstadium einer tödlichen Erkrankung, nicht um die Angst vor einem langen oder gar schmerzvollen Ende. Schluss soll vielmehr schon vorher sein. Es ist die Angst vor dem unausweichlichen Pflegeheim. Die Sorge um den Verlust der Autonomie und Privatsphäre in einem Zweibettzimmer, welches man mit einer fremden Person zu teilen hat, wenn man nicht allzu wohlhabend ist und experimentelle Wohnformen nicht (mehr) in Frage kommen. Es ist der zu erwartende Alltag, Tag ein, Tag aus, die Abhängigkeit von der Pflege und die zunehmende Einschränkung der eigenen Bewegungsfreiheit, die fade Kost, die Vereinsamung, die stattdessen aufgezwungenen Sozialkontakte.

– Kann da die Forderung nach Zuwendung und nochmals Zuwendung, welche die Bischöfin Käsmann in der Sendung „hart aber fair“ gegen Kuschs Suizidhilfe-Dienstleistung einklagte, wirklich Trost verheißen? Die vielleicht ab und zu entgegengebrachte Nächstenliebe durch einen mitfühlenden Blick, ein gutes Wort, eine ausgestreckte Hand? Oder in katholischer Perspektive der Hinweis auf Papst Johannes Paul II., der doch beispielhaft gezeigt habe, wie auch Siechtum und Verfall als Geschenk des Lebens angenommen werden können? Dies mag ein persönlich gangbarer Weg vielleicht auch für Nicht-Gläubige sein, im mystisch-existentiellen Sinn. Wir dürfen aber keinesfalls so tun, als hätten Alte und Kranke hier sozusagen eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft weil sie sonst, wie es oft heißt, „immer noch kälter, egoistischer und gottloser würde.

– Niemand hat „gefälligst“ zu zeigen, auch unter den widrigsten Bedingungen sei doch ein würdevolles Leben möglich. Sonst heißt die Botschaft an die Alten bald: Stellt Euch doch nicht so an. Haltet Euch doch aus der Diskussion heraus, ab wann Eurer eigenes Leben nicht mehr lebenswert ist. Überlasst die Entscheidung darüber selbsternannten Ethik-Experten, die sich dafür zuständig erklären (um über den Umweg der Ethik erneut die Religion ins Spiel zu bringen). Der Bamberger Soziologieprofessor Gerhard Schulze verweist darauf, dass in der Generation, der die 79 jährige Bettina Sch. angehörte, der nicht verhandelbare Wunsch nach Autonomie bis zuletzt noch eher moderat ausgeprägt wäre. Verglichen mit den pflegebedürftigen Generationen, die nach ihr kommen werden, nämlich die der 68er.

– Erforderliche Lebensqualität und auch -freude im hohen Alter wird sich nur erreichen lassen, wenn mehr allein stehende alte Menschen weiterhin in ihren eigenen vier Wänden werden leben können. Zu diesem Ergebnis kommt auch die vom Bundesfamilienministerium in Auftrag gegebene Studie „Möglichkeiten und Grenzen selbstständiger Lebensführung in Privathaushalten“ (2005). Alleinlebende können danach „auch bei zunehmender Abhängigkeit von Pflege zu Hause wohnen bleiben, wenn sie in allen Bereichen von Pflege und hauswirtschaftlicher Versorgung, Tagesgestaltung und emotionaler und sozialer Unterstützung die erforderlichen Hilfen erhalten.“ Dies könnte eine neue Herausforderung für die praktische Umsetzung werden. Ein weiterer Baustein gegen Altersuizide, kein Allheilmittel. Empört sein hilft mit Sicherheit am wenigsten.

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