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Initiative „gemeinsam gegen Tumorschmerz“ will bessere Versorgung sichern

10. November 2008

„Gemeinsam gegen Tumorschmerz“ will Therapiesituation verbessern Initiative gegen Tumorschmerzen gegründet

Hamburg. Ein Großteil der Krebspatienten in Deutschland erhält keine ausreichende Schmerzbehandlung. Nur ein Drittel wird angemessen behandelt, obwohl dies fast immer möglich ist. Derart schlecht beurteilte Prof. Dr. Michael Zenz, Präsident der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, die Lage der Tumorpatienten mit Schmerzen anlässlich der Pressekonferenz zur Gründung von „Gemeinsam gegen Tumorschmerz“. Die Initiative will erreichen, dass sich die schmerztherapeutische Versorgung von Tumorpatienten verbessert. „Viele Patienten glauben noch, Schmerzen gehörten bei Krebs dazu, und sie müssten sie ertragen,“ so Zenz weiter. „Das ist falsch, die heutige Medizin kann sie bei über 90 Prozent der Patienten deutlich lindern.“

Solche Vorurteile zu bekämpfen, ist eines der Ziele der neuen Initiative. Dazu vereint sie starke Partner: die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes, die Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie, die Deutsche Schmerzliga, die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin, das Deutsche Grüne Kreuz, die Deutsche Krebsgesellschaft und den Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums.

Stiefkind Schmerztherapie

„In Deutschland wird zwar viel für Diagnose und Therapie des Tumors getan“, so Zenz, „aber wenig für Diagnose und Therapie der begleitenden Schmerzen.“ Diese werden auch nicht systematisch erfasst. Das veranschaulicht auch ein aktueller Gesetzesvorschlag in Nordrhein-Westfalen. Demnach müssen dort zwar alle Tumorpatienten mitsamt Diagnosen und Therapien erfasst werden. Nach Schmerzen jedoch wird erst gar nicht gefragt.

Schmerzen werden oft als Begleitsymptom ausgeblendet und von den Patienten selber als gegeben hingenommen. Das bestätigt auch eine aktuelle Emnid-Umfrage, bei der ein Viertel der befragten Krebspatienten und Angehörigen angab, mit ihrem Arzt überhaupt nicht über eine Schmerztherapie gesprochen zu haben.

Dabei existiert mit der Stufenleiter der Weltgesundheitsorganisation bereits seit 20 Jahren ein einfaches Schema, das bei 90 Prozent der Patienten eine effektive Schmerzlinderung erreicht. Je nach Schmerzstärke erhalten sie in drei Stufen zunächst einfache Schmerzmittel wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure, dann so genannte schwach wirksame Opioide (z. B: Tramadol oder Tilidin) und schließlich stark wirksame Opioide wie Morphin oder Fentanyl. Patienten und Ärzte müssen erkennen, dass eine wirksame Therapie einfach möglich und ökonomisch ist. Die Schmerztherapie müsse fest in die Krebsbehandlung integriert werden, forderte Zenz. „Kein Tumorpatient darf heute noch unter unerträglichen Schmerzen sterben.“

Vorurteile sind auszuräumen

Dr. Marianne Koch, Präsidentin der Deutschen Schmerzliga e. V., schilderte die starke Angst, die eine Krebsdiagnose bei vielen Patienten auslöse. Diese verhindere völlig die Einsicht, „dass der Krebs oft heilbar ist und den meisten noch Jahre weitgehend normalen Lebens bleiben“. Auch Schmerzen würden dann als unausweichliches Los empfunden. Leider hätten dies auch viele Angehörige von Patienten so erlebt, so Koch weiter. Denn teils mangele es auch den Ärzten einfach an Kenntnis über entsprechende Therapien und es bestünden Vorurteile gegenüber stärker wirksamen Medikamenten, wie den Opioiden. „Es ist ein fataler Fehler unseres Gesundheitssystems, angehenden Ärzten während ihrer Ausbildungszeit keine Kenntnisse über Schmerzdiagnostik und -therapie zu vermitteln,“ folgerte Koch.

Auch die Medien trügen Schuld am Fortbestand von Fehlinformationen. Oft behaupteten sie, Schmerzenlinderung bedeute Lebensverkürzung, „sozusagen als Preis für eine angemessene Schmerztherapie.“ Dabei sei eher das Gegenteil der Fall, so Koch. Studien zeigten, dass die Abwehrkräfte gestärkt werden, wenn der Stress durch die Schmerzen entfiele.

Schmerz als Herausforderung

Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e. V., versteht Schmerztherapie auch als Herausforderung für den Hausarzt. Er sei bei Patienten in späten Krankheitsphasen besonders gefordert, wenn es um die bestmögliche Linderung von Leiden geht. Dieser so genannten palliativmedizinischen Betreuung komme enorme Bedeutung zu, wollen doch 80-90 Prozent aller Menschen zuhause sterben. Ein Wunsch, der derzeit nur für etwa 25 Prozent in Erfüllung geht.

Müller-Schwefe erinnerte in diesem Zusammenhang an die Diskussion um Sterbehilfe: Je besser der Einzelne über die Möglichkeiten der Palliativmedizin informiert sei, um so eher lehne er die Legalisierung von Sterbehilfe ab. Wie Koch fordert er daher in der Ärzteausbildung einen festen Platz für das Wissen, Leiden bis ans Lebensende lindern zu können. Als „geradezu grotesk“ empfindet Müller-Schwefe die derzeitigen Defizite der Lehre: Schmerzbehandlung und Palliativmedizin würden in der aktuellen Approbationsordnung für Ärzte nicht verpflichtend geprüft.

Wunsch nach schmerzfreiem Sterben

Die enorme Bedeutung der Schmerzlinderung gerade am Lebensende betonte Dr. Claudia Bausewein, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin. An Krebs sterben in Deutschland jedes Jahr über 200.000 Menschen. „Sie haben große Angst, mit Schmerzen zu sterben,“ so Bausewein, „dennoch hören viele von ihren Ärzten, dass nichts mehr für sie getan werden kann.“ Das sei falsch. Eine kompetente Schmerz- und Symptomlinderung verbessere die Lebensqualität deutlich. Auch psychosoziale und spirituelle Aspekte müssten dabei beachtet werden, da sie die Empfindung von Schmerzen beeinflussen.

Bausewein fordert eine ganzheitliche Behandlung, die je nach Patientenwunsch sowohl stationär als auch ambulant sein sollte und Freunde und Familie mit einbeziehen muss. Dazu sei das Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen nötig: Ärzte, Pflegende, Sozialarbeiter und Therapeuten.

Sie finden „Gemeinsam gegen Tumorschmerz“ unter www.tumorschmerz.de

Quelle: Pressemitteilung vom 20.01.2005

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