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Kant: Autonomie ist keine Annehmlichkeit

10. November 2008

Kants Welt:
Ein Hoch auf die Freiheit aber: Autonomie ist keine Annehmlichkeit

Am 12. Februar vor 200 Jahren ist Immanuel Kant in Königsberg, welches er zeitlebens nie verlassen hatte, gestorben. Aus diesem Anlass möchten wir Auszüge zitieren aus einem Leitartikel des Tagesspiegel (von Kerstin Decker):

‚Königsberg hatte in Kants Jugend im 18. Jahrhundert doppelt so viele Einwohner wie Berlin zur damaligen Zeit und besaß erhebliche Ähnlichkeit mit der islamischen Welt von heute. Strengste Zucht, keine Regung menschlichen Lebens, die die Religion nicht kontrollierte. In diese Welt tritt ein kleiner Handwerkersohn und zettelt im Folgenden eine geistige Kulturrevolution an, die die Welt noch nicht gesehen hat.

Vielleicht gibt es nur zwei kulturelle Zustände: einen, der durch Kant hindurchgegangen ist und einen, der ihn noch vor sich hat. Man lebt entweder vor oder nach der Aufklärung. Der Wesen von heute ist Kants Welt. Darum ist auch jeder Durchschnittseuropäer, der noch nie eine einzige Zeile Kant gelesen hat, ein Kantianer, ohne es selbst zu wissen
Nur, weil ich etwas denken kann, muss es noch lange nicht existieren. Gott, Teufel oder Geister. Auch über die Unsterblichkeit der Seele oder die Unendlichkeit der Welt können wir nichts Sicheres wissen. In solchen Unterscheidungen liegt die Kant’sche Modernisierung der Vernunft

Kant bewies Autonomie und Freiheit als Voraussetzungen allen Denkens und Handelns. Die Regelung der menschlichen Beziehungen durch das Recht, sogar die Idee einer Weltrepublik (‚Zum ewigen Frieden‘) nahm er vorweg. Seine Entdeckung war, dass der Mensch in der Lage ist, nach Prinzipien zu handeln. Also nach etwas ganz und gar Unsichtbarem, jenseits von Verbot und Strafe Freiheit ist der Grundbegriff. Sie lässt sich nicht beweisen, wir können ihr nur gerecht werden.

Und hier beginnt, bei aller Kant-Nähe, auch unserer Kant-Ferne. Wahrscheinlich wären wir ihm doch sehr fremd gewesen. Dass die Ökonomie seit Aristoteles nur die Kunst der Haushaltung, also nichts geistig Bedeutsames einmal alles Denken und Handeln dirigieren würde, hätte er kaum verstanden. Ebenso wenig unseren Hedonismus. Wir sind auf der Welt, um glücklich zu sein, glaubt heute fast jeder. Dann hätten wir gleich als Kühe auf der Weide stehen bleiben können, bemerkte Kant trocken. Wir sind auf der Welt, um des Glückes würdig zu sein. Autonomie ist keine Annehmlichkeit, sie bedeutet die unendliche Verantwortung des Einzelnen für sich selbst ‚

(Tagesspiegel vom 11.02.2004)

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