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„Kein Kniefall vor Ratzinger“ Zum ethische Paternalismus unter ehemals Linken

10. November 2008

Der folgende Gastkommentar im SPIEGEL von Mariam Lau beleuchtet das Phänomen, dass ehemals besonders radikale, antiliberale und hämische Linke nunmehr die Religion je moralisch konservativer desto lieber als unverzichtbar wertbildend und sinnstiftend halten. Habermas (Chefintellektueller der 68 er) hat den Anfang gemacht, auch von Gysi (PDS) hören wir diese Töne. In Fragen der Sterbehilfe und der Patientenautonomie haben wir den neuen ethischen Paternalismus von den parlamentarischen Obleuten Wodarg (SPD), Nickels (Grüne) und Rachel (CDU/CSU) der Ethik-Enquêtekommission kennen gelernt: Wertepluralität und Patientenwille gelten ihnen als relativistische Gefährdung einer verloren gegangenen absoluten Lebensschutz-Moral. Doch blendet eine wenn auch fürsorglich gemeinte Gängelung und Bevormundung nicht aus, unter welchen realen Nöten Sterbewillige und Schwerstkranke oftmals leiden trotz aller palliativmedizinischen Möglichkeiten?
Und warum soll, wenn sie sich diesen existentiellen Problemen verantwortungsvoll annimmt, eine humanistische Ethik es nicht vermögen, Halt zu geben und Sinn zu vermitteln? Sollte ihre Bedeutung in der modernen Gesellschaft wirklich nicht weiter führen können als zu einer neuen Variante amoralischer „Beliebigkeit“?

Quelle: Spiegel online vom 21.04.2005: „Kein Kniefall vor Ratzinger!

Was ist bloß los? Wieso entdecken im Moment so viele Intellektuelle ihre Begeisterung für einen knallkonservativen Kleriker? Es gebe keinen Grund, sich vom Papst moralischen Relativismus vorhalten zu lassen, nur weil man sich nicht in das Wertekorsett des Katholizismus zwängen lassen möchte, schreibt unsere Gastautorin Mariam Lau.

Berlin Habemus Papam. Viele Katholiken, die versuchen mit den Vorgaben ihrer Kirche zu leben, sind erschüttert über die Wahl Kardinal Ratzingers. Dagegen ergehen sich manche Intellektuelle in Unterwerfungsgesten und Selbstgeißelungsritualen, die einen Schiiten in Kerbala vor Neid erblassen lassen würden.

Begeistert wird Ratzingers Schelte der „Diktatur des Relativismus“ gerade von denjenigen applaudiert, die vom Pluralismus der Meinungen leben. Was soll an der Auffassung, die Scheidung sei einer zerrütteten Beziehung vorzuziehen, moralisch relativ, also irgendwie beliebig sein? Den einen ist das ungeborene Leben, auch das im Reagenzglas heilig, den anderen die Freiheit der persönlichen Entscheidung warum ist das eine absolut moralisch, das andere relativ?

Die einen halten Sterbehilfe für Hybris, die anderen für einen Akt der Barmherzigkeit wo ist hier die Indifferenz? Mag schon sein, dass im Mittelalter noch jeder gewusst hat, wo sein Platz ist, aber wollen wir deshalb wirklich gleich Ratzingers Relativismus-Kritik lobpreisen?

Den Anfang hatte Jürgen Habermas gemacht derselbe Habermas, der noch vor ein paar Jahren das „nachmetaphysische Denken“ verteufelte. Er goss Häme aus über jene Denker, die der haltlosen Moderne einen Bedarf an „gegenwirkenden Traditionen“ attestierten. Sie waren Reaktionäre, Philosophen der Kohlschen Tendenzwende und gehörten als solche entlarvt und an den Pranger gestellt.

Derselbe Habermas räumte vor einem Jahr im Gespräch mit Ratzinger ein, der säkulare Verfassungsstaat sei auf die „säkularisierende Entbindung religiös verkapselter Bedeutungspotentiale“ dringend angewiesen was für ein Gang nach Canossa!

Weitere Kostproben des Beitrags von Mariam Lau, die übrigens das Forum der Tageszeitung DIE WELT verantwortet: “ Da drängt sich vollends der Eindruck auf, hier solle das Papamobil den versenkten Karren der Frankfurter Schule aus dem Morast ziehen “ „Wer da Erfahrungen sucht, sollte mal nach Iran fahren “ „Bemerkenswerterweise ist ja Ratzinger selbst so etwas wie ein ‚Neokonservativer´, ein ehemaliger Linker, der gemeinsam mit Hans Küng, Karl Rahner “
Wer weiter lesen möchte: http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,352597,00.html

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