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Mordvorwurf lockt KollegInnen aus der Reserve eindeutige Kommentare

23. Januar 2011

Die Zuspitzung im Prozessverlauf gegen Dr. Mechthild Bach hat erstmals ärztliche KollegInnen aus der Reserve gelockt. Bei allen Einträgen und Kommentaren (hier Reihenfolge ab 19.1.2011 beibehalten, anonymisiert und teilweise gekürzt) ist die Tendenz der Empörung eindeutig.

Ihr Prozess erinnert einen Leser der der Ärztezeitung an "Hexenjagden". © dpa

 

Aus der Ärztezeitung (bis 23.1.)

Dr. V. T.-A. schreibt:

„ Da bleibt einem die Spucke weg. "Sachverständige" einer kranken Kasse vermuten bei hohem Schmerzmittelverbrauch einer onkologischen Abteilung sofort eine Straftat …Womit soll der Arzt bei infausten Krankheitsverläufen denn schon das Leiden lindern, wenn er keine andere Therapieansätze mehr hat? Und es wird tatsächlich dieses aufgegriffen und ein krimineller Fall daraus konstruiert werden. Es wundert aber nicht, dass es die Gerichte überhaupt annehmen. Es passt ja sehr gut in die schon lange von der Politik und den Medien geschürten Atmosphäre der Diffamierungen und Verleumdungen der Ärzteschaft. … Die Kollegin kann ja einem leidtun. Persönlich wünsche ich ihr Kraft und Mut und Gerechtigkeit. … Die Menschlichkeit und gesunde Menschenverstand scheint aber in Deutschland auf der Strecke geblieben zu sein“

 

Christiane S. –M. schreibt:

„Vor Jahren ist mein damaliger Partner an einem Glioblastom gestorben. Er wurde zu Hause gepflegt. An seinem letzten Wochenende war sein Hausarzt nicht zu erreichen und kein anderer Arzt sah sich in der Lage in ausreichender (erhöhter?) Menge Morphin zu verordnen, obwohl er sehr inständig darum gebeten hat. Es war kein würdiges Sterben sondern unnötiger Schmerz und unnötiger Kampf. Hätten wir nur eine Ärztin gefunden, wie die, die hier jetzt angeklagt wird… “

 

Marion K. (Fachkraft Palliativmedizin) schreibt: „Da fällt einer Klinik ein erhöhter Morphiumgebrauch auf, durch den 13 Menschen vorsätzlich (heimtückisch?) getötet worden seien. Um was für Mengen an Morphium handelt es sich denn da? Als Fachkraft Palliativ Care kann ich nur sagen: Palliativpatient(inn)en haben immer einen erhöhten Morphium Bedarf! Es erscheint aus der Distanz absurd einer Ärztin, die an Krebs Erkrankte betreut, "Doppelmord" vorzuwerfen. Die interessierte Öffentlichkeit darf gespannt sein, wie – und nicht erstmalig- das "Töten", sozusagen als etwas "monstermäßiges", einer (vermutlich) sozial ambitionierten Person angelastet und gegen diese ein Verfahren geführt wird, womit zugleich wundersam von struktureller Gewalt im Staats- und Gesundheitswesen abgelenkt werden kann.“

 

Dr. Peter M. Sch. schreibt:

„ Mord ist das töten aus niedriger gesinnung. welchen vorteil soll die ärztin denn gehabt haben? das ist ja wohl eine farce!"

 

Aus dem Forum der Hannoverschen Allgemeinen:

Ernst schreibt:

„ … Richtig ist allerdings, dass bei einer Verurteilung von Frau Dr. Bach die Schmerztherapie von Haus- und Fachärzten zunehmend an flächendeckend nicht vorhandene Palliativstationen überweisen werden (so wie es Prof. Zenz gern möchte). Ob das aber dann dem Wohle der Patienten dient, die nicht mehr zu Hause sondern nur auf weit entfernten Spezialabteilungen sterben dürfen, ist mehr als fraglich! Heilfroh bin ich, nach 30 Jahren frühzeitig in Freiheit aufgehört zu haben!“

 

Wagemut schreibt:

Mein Facharzt sagte, er können Patienten über Befunde, Diagnose und Therapiemöglichkeiten "aufklären" soviel er wolle; wenn er dann fragt, welche Therapie der Patient möchte, käme regelmäßig die Gegenfrage: "Was würden Sie denn tun, Herr Doktor?" Und wenn er dann sage, das müssen Sie selbst jetzt entscheiden, käme immer der etwas vorwurfsvolle Spruch: "Aber Sie sind doch der Arzt!" Kassenpatienten werden in unserem Gesundheitssystem ein Leben lang unmündig gehalten … Im Angesicht des Todes sollen Patienten nun brutal "aufgeklärt" werden und selbst "entscheiden", obwohl sie meist schon dement sind? … Nun soll also die Nichteinhaltung der "Bürokratie" gewertet werden als "Heimtücke" des Arztes, der dann – wie Frau Dr. Bach – sogar wegen "Mordes" angeklagt werden kann?! "Abzocker" und "Mörder" will niemand sein, also stellt mein Facharzt seine Praxistätigkeit ein. “

 

Ernst schreibt:

„Vielleicht ist das nur ein "Trick" des Gerichtes als Vorbereitung für einen "deal"? Das Gericht droht mit der Verurteilung wegen "Mordes". Die Verteidigung legt ein Geständnis der "fahrlässigen Körperverletzung mit Todesfolge" ab. Der Richter verurteilt wegen "Totschlag" und beendet den Prozess kostensparend vorzeitig. Aber welcher Arzt verschreibt oder spritzt den Todkranken zur Schmerzlinderung dann noch Morphin, wenn ihm Gefängnis droht?“

 

 


25.1.2011:

Es wird der Tod von Dr. gemeldet, sie hat dem Druck nicht länger standgehalten und sich das Leben genommen.

Kommentare nach dem 25.1.:

Professor Friedemann Nauck, Palliativmediziner an der Uniklinik Göttingen und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, äußerte sich in der Ärztezeitung vom 25.1. betroffen über den Tod Bachs:

Eines der großen Probleme sei, dass Ärzte am Bett von Sterbenden verunsichert und alleine gelassen würden, so Nauck.

"Bei der Palliativ- und Schmerzmedizin kann Unsicherheit dazu führen, dass Ärzte sagen: Bloß nicht zu viele Schmerzmittel!"

Und: "Vor diesem Hintergrund hätte ich mir sehr gewünscht, dass die Vorwürfe gegen Frau Bach völlig hätten aufgeklärt werden können."

 

Ein Hospiz-Vertreter macht sich auch Gedanken um den Ruf der Palliativmedizin:

http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/hannover/bach157.html

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Mechthild Bach – "Im Paragrafendschungel in den Tod getrieben"

Der Selbstmord der Ärztin Dr. Mechthild Bach hat auch viele Leser der "Ärzte Zeitung" aufgewühlt.

Von Christoph Fuhr

<< "Man hätte Frau Dr. Bach danken sollen, statt sie im Paragrafendschungel in den Tod zu treiben. Das ist ein großer Verlust für uns Ärzte", schreibt empört der Palliativmediziner Dr. Mustafa Ayhan in einem Leserbrief.

… Sie beteuerte stets ihre Unschuld.

Beim Prozess vor dem Landgericht Hannover hieß es in der vergangenen Woche, sie müsse möglicherweise mit einer Verurteilung wegen Mordes aus Heimtücke rechnen. Jetzt hat sich die Ärztin umgebracht.

Viele Leser der "Ärzte Zeitung" reagieren erschüttert. "Als Palliativmediziner", so Ayhan, "ist man jeden Tag mit dem Risiko konfrontiert, dass man beim Versuch, die Leiden der Patienten zu minimieren, an sehr hohe Dosen Opioid-Analgetika greifen muss und diese bei den sowieso sehr geschwächten Patienten eine Atemdepression mit Todesfolge auslösen können. Meiner Meinung nach trifft die verstorbene Ärztin keinerlei Schuld."

Mit Blick auf die Folgen des Prozesses zeigt sich Ayhan pessimistisch: "Und wozu führt nun das ganze?", fragt er.

"Ich kann es schon voraussehen: Aus lauter Angst, mit einer solchen Anklage konfrontiert zu werden, wird es den meisten Ärzten nun leichter fallen, die Patienten zu niedrig zu dosieren. Wen kümmert's denn, ob diese todkranken Menschen etwas mehr leiden müssen? Wer kriegt denn schon mit, ob ein Todkranker, der sich kaum noch ausdrücken kann, etwas mehr leiden muss, dafür aber ein paar Tage später in den Tod geht?"

Aufgewühlt reagiert auch unser Leser Dr. Roland Sautter: "Sollen Kollegen auf Palliativstationen nur noch in Panik maximal defensiv arbeiten?" fragt er.

"Mit Anwälten, Psychologen, Theologen, Soziologen, Dokumentationsspezialisten auf Schritt und Tritt bei jeder Visite und Maßnahme?"

"Vielleicht hat Frau Dr. Bach die Verrechtlichung der Medizin zu wenig im Blick gehabt und war durch jahrelange 'Übung' in Grenzsituationen bei hoffnungslosen Zuständen zu individualisiert in ihrem Medizinverständnis, dass sie über Durchschnittsdosierungen und ähnliches zu wenig nachdachte", so Sautter weiter.

"Aber dass sie mordend über die Station ging? Ein extremes Unding, wer soll sich das vorstellen können?"

"Die Justiz würde besser daran tun im Vorfeld die Mediziner zu unterstützen und einen möglichst sicheren Rahmen für deren Tätigkeit zu schaffen", schreibt unser Leser Michael Meiser. "Stattdessen werden Hexenjagden wie diese möglich. Sehr tragisch", bedauert er.

"Es bleibt zu hoffen, dass die Staatsanwaltschaft jetzt mit sich selbst ins Gericht geht", so P. A. Oster. Die Justiz sei weit davon entfernt, sich in das hippokratische Gedankengut eines Arztes hinein zu denken.

Dipl.-Ing Ulrich Kabis weiß als chronischer Schmerzpatient und Leiter einer Selbsthilfegruppe, "wie hoch die Hürden des Gesetzes liegen, und welche Probleme gute Mediziner und Schmerztherapeuten haben, um ihren Patienten wirklich zu helfen".

Es sei ein jahrelanger Kampf, die richtige Behandlung als chronischer Schmerzpatient zu erhalten, "aber noch viel schlimmer, eventuell alle tatsächlich zur Verfügung stehenden Medikamente nutzen zu dürfen!", erläutert er.

Sein kritisches Fazit: "Ernst genommen werden die wenigsten Schmerzpatienten, weil sie in der Regel schwierig sind! Doch wenn ein Arzt wirklich mal Mut beweist, dann schiebt die Krankenkasse den Riegel vor, beispielsweise bei einem Alternativmedikament oder einer solchen (Alternativ- d. Red.)-Behandlung. Selbst kostengünstigere Lösungen werden abgeschmettert, nur weil sie angeblich nicht verordnungsfähig sind", berichtet Kabis.

Frustriert zeigt sich schließlich auch Dipl.-Med. Roland Fuchs: "Ärzte sind seit Jahren Spielball und Freiwild der Nation!", sagt er.

"Die traurige Reaktion der ehemaligen Kollegin ist eigentlich ein Fingerzeig auf Staat, Justiz und Gesellschaft." >>

Quelle: http://www.aerztezeitung.de/news/article/638193/mechthild-bach-paragrafen-dschungel-tod-getrieben.html

 

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