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Novembergedanken zu Versöhnlichem

20. November 2010

"Bea geht" – Nachdenkliches und Nachfühlbares zum Totensonntag:

  • Wie sich die 36 jährigen Bea, einige Jahre nach der Diagnose Eierstockkrebs, mit ihrem Mann Urs und Vertrauten, v.a. den Freundinnen Judith und Erna, mit allem was zur hospizlichen Begleitung dazugehört auf den Abschied – das Sterben soll unbedingt zu Hause sein – und die selbst gestaltete Bestattungsfeier vorbereiten.
  • Wie die letzten, durch zunehmendes Leid und auch Tragik geprägten Monate mit Innigkeit, Zweisamkeit, Freundschaft, Hilfe lebendig, zärtlich und tröstlich erhalten werden.
  • Wie dazu auch gehören kann, das eigene Todesdatum selbst genau zu bestimmen und es möglich ist, dabei friedlich und versöhnt mit dem Umfeld aus dem Lebenzu scheiden.

 

Doch je näher dieser Tag kam „wurde den Eingeweihten bewusst, wie wenig der Mensch dazu geschaffen ist, mit dem Wissen um den Todeszeitpunkt eines anderen Menschen umzugehen“, schreibt der Autor Reto U. Schneider …

Auszüge aus „Bea geht“:

"… Am 10. September 1999, vier Monate nach der Diagnose, luden sie Freunde und Verwandte zu einem Hochzeitsfest in eine Waldhütte ein. Wenige Feiern eignen sich schlechter, mit dem Tod in Verbindung gebracht zu werden, als eine Hochzeit. Wer heiratet, tut es, um zusammen alt zu werden.

 

Doch Urs und Bea mussten sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass der Tag, an dem der Tod sie scheiden würde, möglicherweise nicht mehr in der weiten Ferne von Altersheim und künstlichem Hüftgelenk lag. Die Chemotherapie wirkte zwar, aber trotzdem war es nicht wahrscheinlich, dass Bea ein langes Leben beschert sein würde….

 

Der schwierigste Moment für einen Menschen mit einer unheilbaren Krankheit sei jener, in dem er die Richtung ändern müsse, den Tod zum Ziel erklären und nicht mehr das Leben, sagt der Arzt, der Bea betreute. Viele seiner Patienten klammerten sich bis am Schluss ans Leben, um dann doch zu sterben.

«Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht», hat Václav Havel einmal gesagt, «sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal, wie es ausgeht.» Sich dem Tod zuzuwenden ist umso schwieriger, weil es auch bei unheilbar Kranken immer wieder bessere Phasen gibt, die den trügerischen Glauben nähren, eine Heilung sei doch möglich.

«Eigentlich wollte ich doch das Leben nur noch geniessen! Also nicht, dass du mich falsch verstehst, ich bin mir schon bewusst, dass das Leben nicht nur Genuss ist und sein kann. Aber die Einstellung dazu, auch Unangenehmes auf eine Art geniessen oder halt akzeptieren zu können, zufrieden zu sein mit dem, was ist, und doch keine Resignation…puh, schwierig zu beschreiben, was ich meine.» (E-Mail an eine Freundin, 18. 10. 2000)

Sie liessen sich aber auch gerne einlullen vom Alltagstrott. Die vorgespiegelte Normalität hatte etwas Verführerisches. Meistens waren es äussere Ereignisse, die ihnen ins Bewusstsein riefen, dass es wohl nicht immer so weitergehen würde: ein Arztbesuch, die Chemotherapie, eine viel zu früh verschickte Geburtstagseinladung, die für Bea immer die Frage in sich trug: Werde ich dann noch am Leben sein?

Bea muss gespürt haben, dass ihr Abschied begonnen hatte. Sie sprach selten darüber, wie lange sie noch erwartete zu leben, aber Ende 2002 war ihr klar, dass es wohl kein Jahr mehr sein würde. «Die Feiertage waren etwas schwierig, da ich immerzu dachte, dass ich das nächste Jahr wohl nicht mehr dabei sein werde, und trotzdem alles so stinknormal war, wie meistens eben.» (E-Mail an eine Freundin, 8. 1. 2003)

… Und dazu gehörte für Bea auch, dass sie Besuchsangebote von Bekannten und Verwandten, die ihr wenig bedeuteten, mit einem «ich habe keine Zeit» schroff ablehnte. Die Leute mussten annehmen, das sei nicht die Wahrheit, doch Bea hätte ehrlicher nicht sein können: Sie hatte tatsächlich keine Zeit mehr.

Auch für Urs gab es ein heikles Thema: seine Zukunft. In seinem Kopf existierte sein Leben nur bis zu Beas Tod. Darüber hinauszudenken empfand er als Verrat. Eines der wenigen Dinge, die er vor ihr verheimlichte, war zum Beispiel, dass er das Buch «Mut und Gnade» gelesen hatte. Der Autor Ken Wilber erzählt darin, wie er mit dem Krebstod seiner Frau umgegangen ist….

Und dann kam der Abend, an dem sie nicht mehr wollte. Von all den schwierigen Entscheidungen, die sie seit der Diagnose hatte fällen müssen, fiel Bea die letzte überraschend leicht. Sie war sicher, dass sie jetzt sterben wollte. Innerhalb des nächsten Monats musste es sein. Doch an welchem Tag? Wie bestimmt man seinen eigenen Todestag? Urs setzte sich zu ihr ans Bett und schlug seine Agenda auf. Es war ein Sommerabend Anfang Juni.

Am 2. Juli gab es den Eintrag: «15 Uhr: Konzert Les Marmottes, Landhaus». Urs würde dort singen. Bea sagte, dass sie am darauffolgenden Tag sterben wolle. …

Danach geschah, womit Urs nie gerechnet hatte: Er konnte Bea loslassen. «Bis zu diesem Tag gab es immer wieder dieses Hin und Her», erinnert sich Urs, «dass sie jetzt sterben muss, dass wir nicht zusammen alt werden können, dass wir auseinandergehen müssen. Aber an diesem Abend machte es bei beiden klick.» Bea hatte abgeschlossen. Urs konnte es akzeptieren.

Für ihre Familie war es schwieriger. … «Sie war so selbstsicher, als wir am Tisch sassen», erinnert sich ihre Mutter, «und so will ich es, und das will ich nicht, und das will ich. Es war brutal.» Es wurde viel geweint. Der Vater schien die Welt nicht mehr zu verstehen, Bea sagte ruhig: «Das muss jetzt einfach sein, wir haben keine andere Wahl.»
 

Nachdem der Todestag bestimmt war, machte sich bei Bea und Urs eine grosse Erleichterung breit. Vier Wochen blieben ihr noch …

Zweieinhalb Wochen vor Beas Tod wurde Urs klar, dass sie Hilfe brauchten. Er konnte Bea nicht 24 Stunden am Tag pflegen, also wandten sie sich in einem Brief an ihre Freunde: «Meine Krankheit nimmt Ausmasse an, die das Sterben für mich immer unberechenbarer machen. Alleine werden wir es nicht schaffen, zumal unser Wunsch ist, dass ich zu Hause bleiben könnte», heisst es darin. Urs legte eine Excel-Tabelle bei, auf der sich die Angeschriebenen für stundenweise Einsätze eintragen konnten. …

«Vielleicht ist es schon gut, zu wissen, dass jemand auf dem Sofa sitzt und liest. Oder ich mag mir etwas vorlesen lassen. … Oder wir weinen und schweigen gemeinsam. Schon jetzt merke ich oft, dass ich nicht reden mag, auch nicht ‹beredt› werden will. Einfach zusammen sein.»

Dass der Todestag schon feststand, erwähnten Bea und Urs in ihrer Bitte um Unterstützung nicht. Ihn erfuhren nur die Familie und die wenigen Freunde, die sie dabeihaben wollte, wenn es so weit war. …

Einen Teil ihrer Habe hatte Bea noch vor ihrem Tod verschenkt, oder zumindest hatte sie versucht, sie zu verschenken. Viele taten sich schwer damit, etwas anzunehmen. «Du bist ja jetzt noch da», sagte ihr Erna. Aber auch als Bea nicht mehr da war, war es nicht einfach, ihre Dinge los zu werden. Urs montierte im Dach zwei lange Stangen, an die Judith, Erna und er alle Kleider hängten.

Bea hatte festgelegt, in welcher Reihenfolge ausgewählt werden durfte: zuerst die Mutter, dann Freundinnen und Bekannte. Also bot Urs die Leute anhand der Liste auf, doch auch sie trauten sich kaum, etwas zu nehmen. «Ich musste tüchtig nachhelfen und immer wieder betonen, dass es Beas Wunsch war, und auch mal eine Bemerkung fallenlassen wie ‹dieser Hut hat dir doch schon immer gefallen›.»… "

Anmerkung: Die Suizidbegleitung zu Hause wurde geleistet durch www.exit.ch/wDeutsch, Beas wohnte in der Schweiz.

Quelle komplett: http://www.nzzfolio.ch

 

Der Autor erhielt in einer Feierstunde den diesjährigen Arthur-Koestler-Preis der Deutschen Gesellschaft (DGHS) verliehen.

Die DGHS beging tags darauf – am 13. 11.2010 – ihr 30jähriges Jubiläum. Ausführlicher Bericht der Festveranstaltung mit zahlreichen Grußbotschaften. Sie fand im Palace Hotel Berlin statt und war öffentlich. Darunter waren einige der knapp 30.Tausend DGHS-Mitglieder, die mit Engagierten und Befreundeten sowie dem Präsidium der DGHS feierlich zusammentrafen.

 

 

 


Sanften und guter Tod meist nur ein Mythos – ihm am Ende lieber schnell  entgegengehen …

" … Der Prozess, das Sterben anzunehmen, beginnt mitten im Leben. Der mongolische Schamane und deutschsprachige Schriftsteller Galsan Tschinag schreibt dazu:

"Wenn wir schmerzarm und angstfrei sterben können und nicht peinvoll sterben müssen, kommen wir am Ende zu der Einstellung, sterben zu dürfen. Wir werden würdig sterben. Man muss glauben, man muss an die Güte der Natur, der Dinge, des Himmels glauben. Und immer hoffen. Man muss zum All, zum Universum gut sein. An das Gute glauben und zu allem, was es auch sei, Ja sagen. Nicht zagen. Ja sagen immer, wenn es auch der Tod ist. Also nicht vor dem Tod flüchten – das ist Unsinn, wir können nirgendwohin flüchten. Alle Ecken sind abgesperrt. Dem Tod entgegengehen, dann hat man weniger Schmerzen. Aber dann, wenn es sein muss, schnell entgegengehen."

Dem Tod schnell entgegenzugehen – das wird oft verhindert und führt dazu, dass für viele Menschen der Sterbeprozess voller Mühen ist: weniger Schmerzen einerseits, langes Siechtum andererseits. Ulrich Wedding, der die Palliativstation der Universitätsklinik Jena leitet, meint, der gute Tod sei ein Mythos.

"Oft gelingt es, Beschwerden zu nehmen und einen sanfteren Tod zu erzielen, aber immer wieder erleben wir auch hier trotz aller Möglichkeiten und Maßnahmen, die wir versuchen einzuleiten, dass das Sterben belastend, anstrengend, mit Beschwerden verbunden sein kann für die Patienten, für die Angehörigen und auch für die Betreuenden. Auch mit allen Maßnahmen der Palliativmedizin werden wir nicht erreichen, dass es immer einen sanften und guten Tod gibt."

 

Quelle komplett: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/religionen

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