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Ostthüringer Zeitung: „Unbewiesene Behauptung“ zur Sterbehilfe

10. November 2008

Ostthüringer Zeitung vom 14.04.2004: Sterbehilfe in Thüringen höchst umstritten

Sozialminister lehnt Vorstoß ab Philosoph mahnt zum Umdenken

Nach dem Vorstoß einiger Bundestagsabgeordneter von SPD, Grünen und FDP, aktive Sterbehilfe in Deutschland künftig zu erlauben, ist auch in Thüringen der latent schwelende Streit wieder aufgeflammt.

Sozialminister Dr. Klaus Zeh lehnte den Vorschlag rundweg ab. „Ein Gesetz, das die aktive Sterbehilfe legalisiert, wäre ein Dammbruch mit unabsehbaren Folgen“. Ein Minister mit CDU-Parteibuch kann das durchaus so sehen, muss es mit Blick auf die Kirchen vielleicht sogar selbst wenn es eine unbewiesene Behauptung oder auch eine Angst machende Prophezeiung ist. Weltfremd, ja nicht mal gesetzeskonform allerdings ist ins Zehs Stellungnahme der Satz: „Wenn es um den Schutz menschlichen Lebens geht, darf es keine Kompromisse geben, weder am Anfang noch am Ende.“

Laut Zeh gehe es den Initiatoren „angeblich um mehr Selbstbestimmung“. Wer aber genauer hinsehe, erkenne rasch, dass das Vorhaben äußerst fragwürdig sei. In Extremsituationen sei es fraglich, ob der Betroffene immer autonom entscheide. Im schlimmsten Fall gerate der Kranke in eine Art Erklärungsnotstand, wenn er keinen Gebrauch von der Möglichkeit der Sterbehilfe mache.

Soweit, so tauglich. Zeh verlässt allerdings dann erneut die Ebene eines akzeptablen Diskussionsbeitrags, wenn er anschließt: „Allein die Gefahr des Missbrauchs ist bereits ein hinreichender Grund, ein solches Gesetz abzulehnen.“ Wenn das gelten soll, dann müssten wohl noch ganz andere Gesetze abgelehnt werden.

Minister Zeh verwies als Alternative zum Gesetzesvorstoß der Abgeordneten auf das Angebot im Bereich der Hospizarbeit. „In Thüringen gibt es 21 ambulante Hospizdienste, die flächendeckend arbeiten und von der Landesarbeitsgemeinschaft koordiniert werden. Ein stationäres Hospiz in Bad Berka befindet sich als Ergänzung der ambulanten Strukturen im Bau. Sterbebegleitung statt Sterbehilfe ist der Weg, den wir gehen müssen“, sagte Zeh.

Der Jenaer Philosoph Klaus-Michael Kodalle indes hat die christlichen Kirchen aufgefordert, ihre grundsätzliche Ablehnung der Sterbehilfe zu überdenken. Angesichts eines elenden Endes könne es für einen Menschen mit seinem Verständnis von Würde vereinbar sein, den Tod herbeizuwünschen und gegebenenfalls herbeizuführen, sagte Kodalle der dpa. Wenn die Willensbekundung eindeutig sei, könne auch Sterbehilfe ethisch vertretbar sein. Dies erfordere aber entsprechende Vorkehrungen noch zu Lebzeiten.

Das Verhältnis zum eigenen Tod habe sich durch den medizinischen Fortschritt radikal geändert, sagte Kodalle. In der letzten Phase des Lebens werde bei vielen Menschen sehr viel Unheil angerichtet. Traditionelle Antworten würden dem Verhältnis zum Sterben nicht mehr gerecht. Die christliche Sozialethik solle sich in die schwierige Debatte über das Recht auf ein Sterben in Würde einbringen. Dazu müsse sie aber die Realitäten in Altenheimen und Intensivstationen zur Kenntnis nehmen.

(Aus: Ostthüringer Zeitung vom 13.04.2004, Autor: Wolfgang Schütze)

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