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Qualifizierte Schmerztherapie bedroht? Auch Sterbenskranke betroffen?

10. November 2008

Schmerzpatienten werden zu „eingebildeten Kranken“ degradiert Interview mit Dr. Thomas Nolte

Quelle Rhein-Main-Kurier vom 28.03.2005:

„Steht die Schmerztherapie vor dem Aus? Die Schmerztherapeuten hatten gestern bundesweit zum Aktionstag gegen die geplante neue Gebührenordnung für Ärzte aufgerufen, die ab 1. April gelten soll. Ingeborg Salm-Boost sprach mit dem Vizepräsidenten der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie, Dr. Thomas Nolte, Schmerz- und Palliativzentrum Wiesbaden.

Kurier: Herr Dr. Nolte, wann kommen die Menschen zum Schmerztherapeuten?

Nolte: Vor einigen Jahren war es noch so, dass viele Patienten, gequält von langjährigen Schmerzen, sich selber auf die Suche nach einem Schmerztherapeuten gemacht haben. Immer noch kommen viele Patienten nach mehreren Jahren anhaltender Schmerzen, waren bei zahllosen Ärzten, sind oftmals operiert worden und verzweifelt. Erfreulicherweise werden aber die Patienten mehr, die gezielt von Kollegen überwiesen werden, damit hier interdisziplinär ein Behandlungskonzept für den Patienten und sein Problem erarbeitet werden kann.

Kurier: Was genau können Sie zur Linderung chronischer Schmerzen tun, was der Hausarzt nicht leisten kann?

Nolte: Schmerztherapeuten und Palliativmediziner verfügen über eine langjährige und umfangreiche Zusatzausbildung, die sie befähigen, mit den Möglichkeiten der Pharmakotherapie, invasiver Schmerztherapie, anästhesiologischer Nervenblockaden wie auch verhaltenstherapeutischen Methoden zu behandeln. Außerdem nutzen wir die Möglichkeiten der Akupunktur, der Manualtherapie und auch Homöopathie, um hier, abgestimmt auf die Besonderheiten eines jeden Patienten, eine individuelle Behandlungsstrategie zu finden. Das geht weit über das hinaus, was der Hausarzt in diesen Situationen leisten kann.

Kurier: Arbeiten Sie in der Regel mit den Hausärzten zusammen?

Nolte: Für uns ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Hausarzt unerlässlich, um einen langfristigen Therapieerfolg erzielen zu können. Nur wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen, lässt sich ein gutes Therapieergebnis erreichen. Außerdem muss der Hausarzt unsere Strategien kennen, um sie auch ergänzend und verstärkend mit seinem Patienten besprechen zu können.

Kurier: Der neue Entwurf will die qualifizierte Schmerzbehandlung auf zwei Jahre beschränken, verlangt dann Gutachten. Welche zeitliche Bandbreite gibt es bei der Behandlung?

Nolte: Die Beschränkung der Schmerztherapie auf zwei Jahre zeugt von großer Unkenntnis über die Chronifizierung von Schmerzen. Wir wissen heute, dass ein schlecht oder gar nicht behandelter Schmerz chronifiziert und zu einer chronischen Schmerzkrankheit wird. So ist auch in vielen Fällen bei schwierigen Schmerzproblemen von einer eigenständigen Krankheit auszugehen. Auch der Diabetiker oder Hypertoniker muss nicht von seinem Hausarzt nach zwei Jahren geheilt sein. Genauso wenig kann von uns erwartet werden, dass Schmerztherapeuten eine chronische Schmerzkrankheit bei ihrem Patienten heilen können. Eine Beschränkung auf zwei Jahre ist diskriminierend für den Patienten und bringt ihn wieder in die Nähe des eingebildeten Kranken, wenn er nach zwei Jahren nicht „geheilt“ ist.

Kurier: Sie sagen, die Honorare der Schmerztherapeuten werden so drastisch gekürzt, dass der Facharzt nicht mehr wirtschaftlich arbeiten kann. Wie hoch muss man sich denn den Aufwand vorstellen?

Nolte: Qualifizierte Schmerztherapie ist eine hochkomplexe und zeitintensive Therapie, die eine umfassende, gut ausgestattete Praxisstruktur mit Überwachungsmöglichkeiten wie auch viel hoch qualifiziertes Personal für die Mitbetreuung der Patienten benötigt. Insofern bewegen sich qualifizierte Schmerzpraxen und -zentren vom Kostenrahmen her auf dem Niveau von anderen hoch spezialisierten Facharztpraxen. Die Honorare für Schmerztherapeuten bewegen sich aber eher am unteren Rand der vergleichbaren Facharztgruppen. Außerdem sind die Honorare seit ´87 nicht mehr an die Kostenentwicklung angepasst worden.

Kurier: Sie behandeln auch viele Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase angekommen sind, betreuen die Sterbenskranken im Hospiz Advena. Ist die Palliativmedizin in starkem Ausmaß von den Änderungen betroffen? Müssen Sterbende stärker leiden?

Nolte: Leider sind auch schwerstkranke Patienten am Lebensende von den Auswirkungen der neuen Gebührenordnung betroffen. In der Vergangenheit konnten alle Facharztgruppen mit einer Pauschale den besonderen Aufwand bei diesen Patienten berechnen. Ab 1. April dürfen nur noch die Hausärzte einen palliativmedizinischen Betreuungskomplex abrechnen. Dies ist umso unverständlicher, da viele Ärzte sich im Bereich der Palliativmedizin neben ihrer Arbeit qualifiziert haben. Der Hausarzt ist in der Regel mit dieser komplexen und schwierigen Aufgabe am Lebensende seines Patienten alleine zeitlich und fachlich überfordert und dringend auf Unterstützung besonders geschulter Palliativmediziner angewiesen.

Kurier: Und diese bekommen dann tatsächlich gar kein Honorar?

Nolte: Diese müssen auf jedwedes Honorar verzichten. Leidtragende werden die Patienten sein, die palliativmedizinische Versorgung benötigen.

Kurier: Die hessischen Schmerztherapeuten wollen die neue Vereinbarung nicht unterschreiben, sie richten harte Vorwürfe an die Kassenvertreter und die Kassenärztliche Bundesvereinigung. Was wird nun passieren?

Nolte: Der für die Inhalte der Vereinbarungen für die Schmerztherapeuten verantwortliche Bewertungsausschuss hat in seinen Beratungen in keiner Weise die Besonderheiten schmerztherapeutischer Praxen und -zentren berücksichtigt. Durch einen umfangreichen Katalog an geforderten Maßnahmen, die mit einer unzureichenden Komplexpauschale honoriert werden sollen, steht jede schmerztherapeutische Praxis ab dem April, selbst unter Ausnutzung aller möglichen Einsparmöglichkeiten, vor dem finanziellen Aus. Allen ist klar, dass ihnen jede wirtschaftliche Basis für eine Weiterarbeit entzogen wird.

Kurier: Und was geschieht nun?

Nolte: Aufgrund der Geschlossenheit aller Schmerztherapeuten, nicht nur in Hessen, sondern bundesweit, wie auch unserer Informationsveranstaltungen ist mittlerweile auch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung klar geworden, dass Gesprächs- und Nachbesserungsbedarf besteht. Erstmalig werden Mitte dieser Woche in Berlin Gespräche mit den Beteiligten geführt werden, um hier einen Lösungsansatz zu finden.

Kurier: Müsste es nicht statt Beschränkungen zu erlassen mehr Schmerztherapeuten geben?

Nolte: Die ganze Entwicklung ist insofern noch unverständlicher, als wir bundesweit einen Versorgungsgrad aller Schmerzpatienten von höchstens 20 Prozent erreicht haben. Das bedeutet, dass 80 Prozent der Patienten auf eine spezielle schmerztherapeutische Behandlung verzichten müssen, weil in ihrer Nähe keine Schmerztherapie angeboten wird. Nur eine bessere Honorierung schmerztherapeutischer Arbeit kann hier eine Weichenstellung zu einer besseren Versorgung bewirken.

Kurier: Aber nun wird es erst einmal schlechter mit der Versorgung

Nolte: Ja, die jetzige Situation wird dazu führen, dass der Versorgungsgrad wieder auf null Prozent zurückgehen wird. Dies wäre jedoch in Anbetracht des medizinischen Bedarfs, der schmerztherapeutischen Möglichkeiten und Erfolgen wie auch unter ethischen und volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten eine Katastrophe.

Kurier: Was haben Sie den besorgten Patienten am Aktionstag gesagt?

Nolte: Allen Interessierten und Beteiligten ist klar, dass nur mit der Unterstützung der Betroffenen und auch der Information der Öffentlichkeit hier noch eine Wende erreicht werden kann. Eine wohnortnah verfügbare qualifizierte Schmerztherapie ist eine unverzichtbare Notwendigkeit in einer miteinander gut verzahnten und aufeinander aufbauenden medizinischen Versorgungslandschaft. Dies wissen unsere Patienten aus eigener Erfahrung zu bestätigen und haben ihrerseits durch Information ihrer Krankenkassen wie auch Schreiben an das Bundesgesundheitsministerium ihr Entsetzen und ihre Besorgnis über die sich abzeichnende Entwicklung geäußert.“

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