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Stellungnahmen zu: Verwirrt, verschwunden, verbrüht, verstorben

10. November 2008

Wie gefährlich sind unsere Krankenhäuser?
In Berliner Kliniken verschwinden regelmäßig Patienten Insider sprechen von Verletzung der Fürsorgepflicht Zu wenig Zeit für Pflegefälle

Die Charité-Leitung hat Konsequenzen angekündigt. Das Klinikpersonal darf hilflose Personen nicht mehr unbeaufsichtigt lassen. Außerdem soll sofort recherchiert werden, wenn ein Patient verloren geht. Eigentlich Selbstverständlichkeiten
Aus: Berliner Morgenpost


Quelle: Berliner Morgenpost vom 17.06.2006: Toter Patient: Staatsanwalt ermittelt
Charité will Kranke künftig überwachen
Berlin Im Fall des tot aufgefundenen Patienten im Vivantes-Klinikum Neukölln ermittelt jetzt die Berliner Staatsanwaltschaft. Seit gestern Vormittag laufe ein so genanntes Todesermittlungsverfahren, bei dem in alle Richtungen ermittelt werde, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Michael Grunwald.
Siehe auch: „Die Klinik soll für den Tod unseres Vaters zahlen“ BZ Berlin Schadensersatz


Interview mit der Berliner Gesundheitssenatorin Heidi Knake-Werner Quelle: Berliner Zeitung vom 17.06.2006:
“ Frau Knake-Werner, in der Charité steckte ein Mann mehr als 80 Stunden in einem Aufzug fest, im Vivantes-Klinikum Neukölln ist ein 63-jähriger demenzkranker Patient nach sechs Tagen tot in einem Technikraum aufgefunden worden. Wer hat versagt?

K.-W.: Ich gehöre nicht zu den Politikern, die kurz nach einem Vorfall schon alles wissen. Diese tragischen Vorgänge müssen nun gründlich aufgeklärt werden.

Gibt es zu wenig Personal in den Kliniken? Sind die Pflegekräfte nicht auf Grund der Einsparungen der letzten Jahre zu sehr belastet?

K.-W.: Ein klares Nein. Es gibt genügend Personal an den Berliner Kliniken. Die Personalausstattung ist hier immer noch höher als im Bundesdurchschnitt, das Betreuungsverhältnis pro Patient liegt ebenfalls über dem Bundesdurchschnitt. Das Problem ist doch ein anderes: Die Patienten werden immer älter, die Betreuungsanforderungen werden komplexer. So ist der Patient ins Klinikum Neukölln mit dem Verdacht auf Herzinfarkt eingeliefert worden, er war aber auch zuckerkrank und dement. Das zeigt doch, welche Anforderungen auf die Krankenpflege zukommen Im Pflegebereich brauchen wir wegen der zunehmenden Zahl von Demenzkranken neue Qualifikationen. Aber eins muss auch klar sein: Auch in Zukunft werden wir nicht neben jedes Bett rund um die Uhr eine Pflegekraft stellen können.


Kölner Stadtanzeiger vom 16. Juni: Eingesperrt, vermisst, zu heiß gebadet“ Die Serie vernachlässigter Patienten in Berlin löste in diesen Tagen Kopfschütteln, Rätselraten und eine Debatte über die Betreuung alter und verwirrter Menschen aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) forderte am Freitag ein neues Betreuungskonzept. „Man muss versuchen, so viel wie möglich ambulant zu behandeln, damit diese Menschen nicht so lange aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen werden“, sagte Johanna Knüppel vom DBfK in einem dpa-Gespräch. Die Krankenhäuser in Deutschland seien noch zu wenig auf die besonderen Probleme von Verwirrten eingestellt, obwohl deren Zahl stetig zunehme.


Quelle: Tagesspiegel vom 16.06.2006: [DGVP= Deutsche Gesellschaft der Versicherten und Patienten]
“ Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Alzheimer-Gesellschaft, kritisiert daher: „Gerade in Akutkrankenhäusern gibt es noch einigen Verbesserungsbedarf, was den Umgang mit dementen Patienten angeht“, sagt sie. Nach einer Statistik der Gesellschaft gelten derzeit rund eine Million Deutsche als demenzkrank. Hochrechnungen zufolge würde sich diese Zahl bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Jansen fordert daher, Kliniken müssten zumindest einen Teil ihres Personals speziell für den Umgang mit dementen Menschen schulen lassen.

Dagegen schlägt DGVP-Präsident Candidus Funksysteme vor: Die Patienten könnten ein Bändchen am Arm tragen, mit dessen Hilfe man jederzeit nachvollziehen könne, wo sie sich befänden


Aus: Berliner Zeitung vom 18. Juni: „Der Tod dieses Patienten ist ein echter Skandal“, sagt die Ärztin Cora Jacoby. „Es passiert oft, dass Patienten in einer Klinik verschwinden. Aber bislang haben wir sie immer gefunden.“
Der Vivantes-Vorstand will nicht, dass sich die Mitarbeiter öffentlich äußern. Cora Jacoby tut es dennoch. Ihrer Meinung nach führten zwei Faktoren zu dem Unglück: Personalknappheit und Privatisierung.
„Technische Dienste werden nur noch an Firmen von außen vergeben. Dauernd laufen fremde Leute durchs Haus. Wir haben die Kontrolle darüber verloren, ob die sicherheitsrelevanten Bereiche verschlossen sind.“ Seit 19 Jahren arbeitet Cora Jacoby in der Klinik. Sie sagt, früher habe sie jeden Techniker gekannt. „Früher waren nachts auf jeder Station drei Schwestern, heute ist auf vielen nur noch eine im Dienst. Wenn die dann gerade bei einem Patienten ist, merkt sie nicht, wenn jemand verschwindet.“
Es ist 17 Uhr. Cora Jacoby macht ihre erste Pause. Um acht Uhr fing ihre Schicht an Sie arbeitet auf der Station für Krebskranke, doch am Wochenende ist sie noch für eine weitere Station sowie für die Rettungsstelle zuständig. Interview mit Buch-Autor Markus Breitscheidel:
„Eine humanitäre Katastrophe, die keiner wahrhaben will“ Tagesspiegel vom 17.06.2006

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