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STERN startet Sterbehilfekampagne (überwiegende Mehrzahl für Liberalisierung)

10. November 2008

Nach Abdruck von 12 sich zum Suizid bekennenden Schwerkranken auf seiner Titelseite (Heft 48) , einem Streitgespräch darüber und einer Begleitsendung in STERN TV hat das Magazin ein öffentliches Forum ins Internet gestellt.

Erste Kommentare:

attiscarlchen:
Sterbehilfe Stern TV

Ich verstehe die Diskussion über Sterbehilfe überhaupt nicht. Es müsste doch selbstverständlich sein, dass ein todkranker Mensch ohne Heilungsaussichten das Recht zur Selbstbestimmung hat. Hier werden Menschen gezwungen trotz immenser Schmerzen am Leben zu bleiben und dort werden junge Menschen in den Krieg geschickt und gezwungen sich erschießen zu lassen. Oh heilige Moral!


Gita Neumann, Referentin Lebenshilfe im Humanistischer Verband / Berlin:
Verzerrtes christliches Menschenbild

Es ist für das Verständnis der Debatte unverzichtbar, das christliche Menschenbild des rigorosen Sterbehilfegegners Robert Spaemanns im Stern-Interview genauer in den Blick zu nehmen. Hinter vermeintlich philosophischem Tiefgang blitzt es bei Spaemann in fratzenhafter Verzerrung immer wieder auf angereichert durch ein zu Vernichtungs- und Horrorphantasien gesteigertes Ressentiments gegen eine demokratische Gesellschaftsordnung, die ohne göttliches Sittengesetz auskommt. Da sollen seiner Auffassung nach aus profitorientiertem Fremdinteresse in unseren Transplantationszentren Hilflose an Apparate angeschlossen werden, um ganz legal an ihre Organe zu gelangen (das deutsche Organspendegesetz macht´s möglich). Da sollen die Niederländer in Dunkelzonen gegen den Willen des Betroffenen drauf los euthanasieren, wenn schnell mal dessen Krankenhausbett gebraucht wird (das dortige Gesetz zur freiwilligen Euthanasie führt angeblich zu so was). Da sollen unsere Familien nur solange zur Pflege eines alten und schwerkranken Angehörigen bereit sein, als die Sterbehilfe hierzulande verboten bleibt. Das alles ist, davon zeigt sich Spaemann im Stern-Interview überzeugt, nicht etwas nur eine „vage Sorge“, sondern geschähe mit „ziemlicher Sicherheit“. Das sei zwar hart, aber eben „die Realität“ die Menschen seien „nun einmal so“. Leider lässt der Interviewpartner Bartholomäus Grill solches Gedankengut unkommentiert durchgehen. Aus aufklärerischer Perspektive hätte hier bereits kritisch nachgehakt werden müssen. Solange bei uns (noch?) Konsens darüber besteht, dass jeder Patient das Recht hat, eine Behandlungsmaßnahme auch freiverantwortlich ablehnen zu können: Wie erklärt sich innerhalb der Spaemann´schen Zwangsläufigkeitslogik, dass nicht heute schon aus diesem Recht eine subjektive Verpflichtung geworden ist? Wie schaffen es Menschen, dem familiären und gesellschaftlichen (Erwartung-)Druck standzuhalten und überhaupt noch Arztbesuche und Medikamente in Anspruch zu nehmen statt vorauseilend anderen die Last zu ersparen, damit möglicherweise zu einem medizinisch chronifizierten Pflegefall zu werden? Dem Himmel, dem säkularisierten Staat und dem Engagement humanistischer Verbände sei Dank: dass wir nicht mehr solchen im Herzen gnadenlos finsteren Glaubensvertretern im Büßerhemd gegenüber zu treten haben, zu ihrem Wohlgefallen auch noch freiwillig „eine Strafe akzeptieren“ sollen. Wofür ins Gefängnis gehen? Dafür, dass wir (selbst-)verantwortlich und solidarisch eine praktische Ethik, eigene Wege humaner Sterbebegleitung und hilfe entwickeln?


Susan-Hamburg:
Sterbehilfe und Recht auf Selbstbestimmung

Ich möchte an dieser Stelle nicht fragen, ob gerade auch rückblickend auf die Geschichte „christlich“ gleichbedeutend mit „menschlich“ ist. Daher schließe ich eine Diskussion unter christlichen Aspekten für mich aus, obwohl ich eine solche Erziehung genossen habe. Denke ich über die Thematik Sterbehilfe nach, geschieht dies ausschließlich auf Grundlage menschlicher Aspekte. Ab wann wird unsere hoch gelobte Menschlichkeit unmenschlich und unzumutbar und dies nicht nur für Sterbende selbst, sondern auch für alle anderen Beteiligten? Ich wünsche in der Tat niemandem diese Erfahrung, aber vielleicht muss man selbst genau diese Erfahrung der Unmenschlichkeit des Teilhabens und Sterbens und tiefer Machtlosigkeit und Verzweiflung gemacht haben, um die Fratze unterlassener Sterbehilfe deutlich vor sich sehen zu können Es tut mir leid das sagen zu müssen, aber wer Sterbehilfe als unchristlich/unmenschlich empfindet oder sie gar auf das Niveau der NS-Euthanasie zieht, tut mir wirklich leid.

 

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