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Stimmen von Bürger/innen

10. November 2008

Den Newsletter patientenverfuegung.de und den Humanistischen Verband Deutschlands haben in den letzten Wochen zahlreiche Briefe erreicht. Viele Bürger/innen machen deutlich, dass es ‚die Kirche‘ nicht gibt, dass sie mit den Verlautbarungen ihrer offiziellen Kirchenvertreter nicht übereinstimmen. Wir veröffentlichen hier stellvertretend für ‚Stimmen von BürgerInnen‘ den offenen Brief von Frau Edith Höltmann, München:

Sehr geehrte Frau Nickels!
Sehr geehrte Frau Vollmer!
Sehr geehrter Herr Bischof Huber!

Wenn eine große Zahl von BürgerInnen fordert, dass Patientenverfügungen rechtlich bindend sein sollen, dann haben die von ihnen gewählten VolksvertreterInnen darüber zu debattieren und einen Mehrheitsbeschluss herbeizuführen.

Wenn eine große Zahl von BürgerInnen für sich die Zulassung der Sterbehilfe wünscht, dann haben die von ihnen gewählten VolksvertreterInnen darüber zu debattieren und einen Mehrheitsbeschluss herbeizuführen.

Nach meiner Auffassung haben die Gewählten weder die Pflicht noch das Recht, eine parlamentarische Behandlung dieser Fragen zu verhindern; auch die Kirchen haben dazu weder Pflicht noch Recht.

Angesichts der Tatsache, dass in deutschen Pflegeheimen nicht einmal SATT UND SAUBER gewährleistet sind, empfinde ich es als zynisch, nur eine Verbesserung der Palliativversorgung und ein Hospiznetz zu fordern. Das ist doch genauso realitätsfern wie die Forderung nach Vollbeschäftigung.

Vielleicht haben Sie ja recht, Herr Bischof Huber: Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe wäre eine BANKROTTERKLÄRUNG der Menschlichkeit, aber eben nur die Erklärung, bankrott ist die Pflege schon lange.

Die Würde des Menschen ist nicht unantastbar, weil das im Grundgesetz steht. Das GG verpflichtet nach meiner Auffassung die Gewählten, darüber zu debattieren, was unantastbar heute im Hinblick auf die Selbstbestimmung bis zum Tod heißt.

Ich bin 71 Jahre und lebe allein und ich empfinde es als gefühllos, meinen Versuch vorzusorgen als zeitgeistig abzutun. PolitikerInnen haben doch die Aufgabe, die Probleme der Zeit und der absehbaren Zukunft zu bearbeiten.

Ich habe nicht nur Angst vor Schmerzen, vor Vernachlässigung und davor, dass andere sich vor mir ekeln die größte Angst habe ich davor, dass ich als Reaktion auf das, was mir angetan wird, böse werde, böse vielleicht noch zu denen, die ihr Äußerstes für mich tun. Ich will mir nicht wünschen müssen, nie geboren zu sein, ich will nicht mit Verwünschungen auf die Menschen sterben müssen. Es würde für mich bedeuten, umsonst gelebt zu haben. Es bliebe kein guter Samen von mir in der Menschenfamilie.

Vor den Fortschritten der Medizin konnten Sterbende sich sagen, ihr Leiden sei Gottes Wille oder so sei die Natur eben. Aber was soll ich mir sagen, wenn ich (ohne oder gar gegen meinen Willen) an einer Magensonde hänge, durch die nur die Kraft zum Leiden kommt?

Die Politik muss klären, welche Therapie ich fordern und welche ich ablehnen darf. Wer gegen die parlamentarische Behandlung der Sterbehilfe ist, weil er fürchtet, am Ende könnte die Mehrheit dafür sein, ist in meinen Augen antidemokratisch. Die meisten Gegner der Sterbehilfe tun so, als ginge es um die Legalisierung der Blutrache oder die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Wer den Leuten weismachen will, früher sei in den Familien, überhaupt in der Gesellschaft alles gut gewesen, den alten Leuten sei es gut gegangen, der versündigt sich auch; ich habe neulich das Wort Altsitzerpulver kennen gelernt: Manche Altsitzer hatten Angst, mit Arsen entsorgt zu werden.

Mit freundlichem Gruß

Edith Höltmann

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