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Umstrittene Umfrage: Mehrheit für aktive Sterbehilfe

10. November 2008

Dienstag, 5. August 2008 Allensbach Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung befürwortet nach einer Meinungsumfrage aktive Sterbehilfe. 53 Prozent der rund 1.800 Befragten befürworten den Standpunkt, unheilbar schwerkranke Menschen auf deren Wunsch hin durch Eingreifen von außen zu töten, wie das Institut für Demoskopie am Montagabend in Allensbach mitteilte. Nur 19 Prozent seien dagegen, 23 Prozent konnten sich bei dieser Fragestellung nicht entscheiden.
Beim Thema „passive Sterbehilfe“, d. h. bei der Frage: „Man spricht ja manchmal von passiver Sterbehilfe. Das bedeutet, dass der Arzt lebensverlängernde Maßnahmen einstellt, wenn der Patient ausdrücklich erklärt, dass er das wünscht. Sind Sie für oder gegen eine solche passive Sterbehilfe?“, befürworteten 72 Prozent der Befragten passive Sterbehilfe, 11 Prozent waren dagegen und 17 Prozent waren unentschlossen. Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt zeigten sich ältere Menschen deutlich entschlossener als jüngere. 76 Prozent in der Altersgruppe 60 Jahre und älter sprachen sich in der Befragung für passive Sterbehilfe aus. Von den Unter-30-jährigen hielten jedoch ebenfalls 63 Prozent eine passive Sterbehilfe für richtig. Bei den Protestanten waren es 73 Prozent, bei den Katholiken 64 Prozent und bei den Befragten anderer Religionszugehörigkeiten bzw. ohne Konfession 78 Prozent, die die Einstellung lebensverlängernder Maßnahmen durch den Arzt befürworteten, sofern es der Patient wünscht.

(mehr) Ärzteblatt

Allensbach-Umfrage zu aktiver Sterbehilfe zeichnet falsches Bild Gemeinsame Presseinformation der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e. V. (DGSS) und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin e. V. (DGP)

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung (58 Prozent), so meldet das Allensbach-Institut für Demoskopie nach einer aktuellen Umfrage, befürworte die aktive Sterbehilfe. Dieses Befragungsergebnis basiert jedoch auf suggestiven Fragen und zeichnet deswegen ein verzerrtes Bild der Realität. Darauf weisen die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e. V. (DGSS) und die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin e. V. (DGP) hin. Schmerztherapie und Palliativmedizin werden in den Fragen ausgeblendet. Linderung ist möglich das wurde ausgeblendet „Zurzeit wird ja viel über aktive Sterbehilfe diskutiert. Das bedeutet, dass man das Leben schwerkranker Menschen, die keine Chance mehr zum Überleben haben und große Schmerzen erdulden müssen, auf deren eigenen Wunsch hin beendet. Sind Sie für oder gegen die aktive Sterbehilfe?“, lautete die Kernfrage der Befragung. Diese Formulierung blende die Existenz von Schmerztherapie und Palliativmedizin komplett aus und schürt damit ungerechtfertigte Ängste, kritisieren die beiden wissenschaftlichen Gesellschaften.
Tatsächlich gibt es Verfahren zur Linderung selbst schwerster Schmerzen. „Wir können in fast immer die Schmerzen und Symptome sterbender Patienten lindern und ihnen ein Lebensende in Würde ermöglichen“, sagte Prof. Dr. Rolf-Detlef Treede, Präsident der DGSS. Prof. Dr. Müller-Busch, Präsident der DGP, fügt hinzu: „Wir erfahren immer wieder, dass der Wunsch nach vorzeitiger Lebensbeendigung in dem Maße in den Hintergrund tritt, in dem es uns gelingt, durch eine gute palliativmedizinische Behandlung auch die letzte Lebenszeit erträglich zu gestalten.“
Tötung auf Verlangen ist keine Alternative Statt mit tendenziellen Fragestellungen die Ängste der Menschen vor Sterben und Tod zu instrumentalisieren, sollten die Möglichkeiten der Palliativmedizin und der Schmerztherapie noch mehr als bisher in der Behandlung von unheilbar kranken und sterbenden Menschen zum Tragen kommen. Eine flächendeckende Versorgung mit Schmerztherapeuten und mit Palliativeinrichtungen zur Linderung schweren Leids würde den menschlichen Bedürfnissen in jedem Fall mehr entsprechen als fragwürdige Tötungsangebote. In den letzten Jahren konnten in der Schmerztherapie und der Palliativmedizin erhebliche Fortschritte gemacht werden. Es wurde sogar ein individueller Rechtsanspruch auf Palliativversorgung gesetzlich verankert.
„Eine optimale Versorgung jedes schwerkranken Menschen ist unser Ziel, und wir sind auf einem guten Weg“, unterstrich Prof. Treede. „Tötung auf Verlangen ist keine Alternative.“

Weitere Informationen: Allensbach

Allensbacher Umfrage Quelle: Pressemitteilung vom 08.08.2008 Meike Drießen, Pressestelle Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e. V. (DGSS) 08.08.2008

Lutz Barth (Verfasst am: So Aug 10, 2008):
Kritik an der Sterbehilfe-Umfrage überzogen

Die Kritik an der Sterbehilfe-Umfrage des IfD scheint überzogen, und zwar unabhängig davon, dass selbstverständlich der Palliativmedizin ein höherer Stellenwert einzuräumen ist. Es ist daran zu erinnern, dass nicht wenige Palliativmediziner und Ethiker den Patienten einen egozentrischen Individualismus vorwerfen, wenn und soweit diese im Rahmen einer von ihnen selbst formulierten Patientenverfügung den freiverantwortlichen Suizid ggf. durch eine ärztliche Assistenz vorziehen würden. Die Patientenverfügung selbst leiste damit einen Beitrag, dass künftig wohl kein Interesse daran bestehe, dass der palliativmedizinischen Forschung und Therapie der Vorrang eingeräumt werde.

Sofern nunmehr die Fachgesellschaften der „Instrumentalisierung“ der Bürger im Rahmen einer Umfrage das Wort reden, wird daran zu erinnern sein, dass mit dem Hinweis auf den Patienten als einen „egozentrischen Individualisten“ der künftige Patient selbst zum „Objekt“ einer Wissenschaftsdisziplin wird. Das redliche Bemühen der Palliativmediziner auch um eine qualifizierte und nachhaltige Schmerzforschung steht nicht wie vielfach behauptet in einem direkten Widerspruch zu den aktiven Formen der Sterbehilfe. Es obliegt künftigen Patienten, sich für eine der Optionen entscheiden zu können. Bemerkenswert ist auch, dass ein verstärktes Engagement der Kirchen eingefordert wird.

Diesbezüglich wird gleichfalls daran zu erinnern sein, dass sich allerlei Mythen um die sog. ars morendi ranken und in einem säkularen Verfassungsstaat den kirchenspezifischen Zentraldogmen nur eine untergeordnete Rolle beizumessen sind, mal ganz davon abgesehen, dass im Übrigen die Kirchen nicht selten erhebliche Defizite an gesichertem medizinischen Grundwissen offenbaren, wie nicht zuletzt die Debatte um die künstliche Ernährung zeigt. Dem Christen bleibt selbstverständlich die Entscheidung offen, einen „christlich akzeptierten Tod zu sterben“, auch wenn hiermit in gewisserweise „Leid“ zu tragen ist. Kurzum: Die Palliativmedizin muss freilich gefördert werden, aber nicht um den Preis, dass der Patient daran gehindert wird, selbstbestimmt eine Suizidentscheidung zu treffen. Eine Entscheidung freilich, die nicht zu einer Fremdbestimmung etwa der Ärzte führt. Der Patient kann nämlich ohne weiteres das palliativmedizinische Angebot ablehnen, wenn und soweit er sein „Leben“ als nicht mehr „lebenswert“ erachtet und dies mögen wir schlicht und ergreifend akzeptieren. (Lutz Barth)

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