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Verhöhnung von Rudolf Augstein

10. November 2008

Der Gründer und Herausgeber des ‚Spiegels‘, Rudolf Augstein, kann sich als bekennender Atheist selbst nicht mehr wehren, wenn am 25. November für ihn ein offizieller Trauerakt im Zeichen christlicher Auferstehung zelebriert wird.
Klärungsbedarf hatte es darüber gegeben, in welchem Rahmen des verstorbenen Publizisten im Hamburger Michel gedacht werden soll.‘ Nun steht fest, dass die Trauerfeier einen gottesdienstlichen Charakter haben wird‘, sagte Hauptpastor Adolphsen der Welt. In seiner Predigt werde er vor allem auf die christliche Sicht über Sterben, Tod und Auferstehung eingehen.‘ Es soll deutlich werden, dass dieser Staatsakt in einer Kirche stattfindet.‘ Erwartet wird u. a. auch Bundeskanzler Schröder.

Das Problem: Augstein war nicht nur Ende der sechziger Jahre aus der katholischen Kirche ausgetreten fortan zog er im ‚Spiegel‘ und in seinen Büchern leidenschaftlich über das Christentum her. Der Tagesspiegel kommentiert dazu: ‚Er kritisierte es nicht, um es zu verbessern, sondern weil er es grundsätzlich ablehnte. Mit Spott, Hohn und verletzenden Anzüglichkeiten versuchte er, die Gläubigen zu reizen, Augstein war überzeugter Atheist.‘ Wenn nun ein protestantische Hauptpastor eine Zeremonie für den Kirchenfeind Augstein abhält, so der Tagesspiegel in seiner Ausgabe vom 21.11.2002 weiter, sei dies eine ‚doppelte Schande‘, nämlich auch für die Kirche selbst: ‚Weil die protestantische Kirche sich nicht mehr selbst achtet, hat sie die Achtung vor ihren Widersachern verloren. Im Unterschied zu jenen kämpft sie nicht mehr. Sie hat sich aufgegeben und umarmt in ihrer Schlaffheit jeden, der ihr Haus betritt.‘

Die organisierten Freidenker und Atheisten hatten gegen die nachträgliche christliche Vereinnahmung von Augstein in einem offenen Brief an Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust protestiert vergeblich. Dabei hätte es nachweislich viele andere geeignete Gebäude in Hamburg gegeben. Die Zentralstelle des Humanistischen Verbandes in Berlin, die sich für die strikte Respektierung aller religiös oder weltanschaulich begründeten Vorstellungen im Umfeld des Todes einsetzt, sieht gar einen gravierenden Verstoß gegen das postmortale Persönlichkeitsrecht. Die öffentliche Verhöhnung des Atheisten Augstein sei kaum weniger schlimm, als wenn man einem bekennenden Christen oder Moslem, der unversehrt begraben werden möchte, nach seinem Hirntod die Organe entnehmen und ihn dann feuerbestatten würde.

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