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Wunderheilungen gibt es nicht keiner ins kommunikative Leben zurückgekehrt

10. November 2008

Quelle: Berliner Zeitung 23.03.2005 (Wissenschaft):

„Wunderheilungen gibt es nicht – Karl Max Einhäupl, Neurologe an der Charité, über die ärztlichen Möglichkeiten bei Wachkoma-Patienten

Der Fall der US-amerikanischen Wachkoma-Patientin Terri Schiavo ist kompliziert: Ihre Eltern und Geschwister wollen sie am Leben erhalten, der Ehemann will sie durch Absetzen der künstlichen Ernährung sterben lassen. Wie würden Sie sich als zuständiger Arzt in diesem Konflikt verhalten?

Einhäupl:

Wenn die Fronten derart verhärtet sind, ist es sehr schwer, zu einer Lösung zu kommen. Aber die Auseinandersetzung, die wir zurzeit in den USA beobachten, hat sich seit vielen Jahren entwickelt. Jetzt hängt das weitere Vorgehen nicht mehr allein von den Angehörigen und den Ärzten ab, sondern ist Sache der Gerichte. Am Anfang wäre es vielleicht noch möglich gewesen, zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen. Wenn die Angehörigen sich einig sind und keine eindeutige Verfügung des Patienten vorliegt, richten wir uns in jedem Fall nach dem Willen der Familie.

Und wenn die Angehörigen sich nicht sicher sind, wie sie entscheiden sollen?

Einhäupl:

Dann sprechen wir mit ihnen ausführlich über die Krankheit und ihre Folgen, damit die Familie gut informiert ist.

Was sagen Sie zum Beispiel, wenn Sie gefragt werden, ob der Patient vielleicht doch noch einmal aus dem Koma erwacht?

Einhäupl:

Ich berichte von Untersuchungen, denen zufolge bislang kein einziger Patient mit einem länger bestehenden apallischen Syndrom in ein kommunikatives Leben zurückgekehrt ist. Sicher, man liest und hört immer wieder Wundergeschichten: Da sollen Apalliker nach fünf Jahren wieder erwacht und wie zuvor gewesen sein. Wunderheilungen gibt es aber nicht: Wenn man solche Fälle nämlich genau untersucht, stellt man fest, dass es sich dabei gar nicht um Apalliker handelte, sondern um Patienten mit ähnlichen Symptomen, aber einer ganz andersartigen Erkrankung.

Wann befindet sich ein Patient denn unzweifelhaft im Wachkoma?

Einhäupl:

Das lässt sich nur mit einem ganzen Bündel von Einzelsymptomen beschreiben, die sich in ihrer Gesamtheit von ähnlichen Erkrankungen unterscheiden. Typisch für das Wachkoma ist, dass es Schlaf- und Wachphasen gibt und dass die Augen in den Wachphasen geöffnet sind. Die Ursache für das apallische Syndrom ist meist eine zeitweilige Sauerstoffunterversorgung des Gehirns oder ein Durchblutungsausfall des Gehirns, ausgelöst zum Beispiel durch einen Herzinfarkt oder durch Ertrinken. Oft genügen zwanzig Minuten ohne Sauerstoff, um die Nervenzellen in der besonders empfindlichen Hirnrinde absterben zu lassen. Die Hirnrinde aber ist für die bewusste Wahrnehmung, für das Denken und Fühlen zuständig. Wenn die dort angesiedelten Nervenzellen zugrunde gehen, funktioniert nur noch der Hirnstamm, der die vegetativen Grundfunktionen des Körpers wie Atmung und Herzschlag regelt.

Gibt es zu Beginn der Krankheit noch ein Zurück?

Einhäupl:

Das hängt davon ab, wie viele Nervenzellen in der Hirnrinde beschädigt wurden. In der akuten Anfangsphase lassen wir nichts unversucht, um den Schaden durch Medikamente und Therapien zu minimieren. In dieser Phase gehört der Patient in eine Akutklinik. In etlichen Fällen kommen die Patienten wieder zu Bewusstsein. Wenn die Symptome aber länger als drei Monate andauern, müssen wir von einem unheilbaren Hirnschaden ausgehen. Dann wird der Patient in der Regel in ein Pflegeheim überwiesen.

Und dort hält man die Kranken dann am Leben so wie Terri Schiavo, die seit 15 Jahren künstlich ernährt wird. Was bekommen Apalliker von dieser Situation mit?

Einhäupl:

Nach allem, was wir wissen, haben sie keine Wahrnehmung mehr. Sie reagieren auch nicht auf ihre Umwelt, selbst wenn das manchmal so erscheinen mag. Auf den Fotos wirkt es zum Beispiel so, als würde Terri Schiavo ihre Mutter anlächeln. Dabei handelt es sich aber aller Wahrscheinlichkeit nicht um einen willentlichen Zuneigungsbeweis, sondern um einen Reflex. Apalliker verfügen über eine ganze Reihe solcher Verhaltensweisen: Sie können saugen, kauen, schmatzen, greifen und lächeln. Mit Bewusstsein hat das aber nach dem Stand der Erkenntnisse nichts zu tun.

Wie weit ist denn die Wachkoma-Forschung?

Einhäupl:

Es gibt nicht allzu viele Studien in diesem Bereich. Das hat auch damit zu tun, dass man sich als Wissenschaftler an diesem heiklen Thema schnell die Finger verbrennen kann. An unserer Klinik habe ich zum Beispiel mit meinem Team Mitte der neunziger Jahre herauszufinden versucht, ob es bestimmte Verhaltensweisen bei Apallikern gibt, die eine Prognose des Krankheitsverlaufs erlauben. Wir haben dazu Videoaufnahmen von den Patienten gemacht. Die Studie war von der Ethikkommission der Charité genehmigt worden. Als die Öffentlichkeit davon erfuhr, hat man uns so massiv kritisiert, dass wir die Untersuchung abgebrochen haben.

Ein US-Kongressabgeordneter sagt jetzt, dass man Terri Schiavo so lange am Leben halten solle, bis die Forschung neue Therapien finde. Was halten Sie davon?

Einhäupl:

Da wird man sehr lange warten müssen. Wir sind weit entfernt von der Möglichkeit, kaputte Nervenzellen durch gesunde zu ersetzen.

Aber solange noch ein Fünkchen Hoffnung besteht: Ist es da nicht grausam, die Magensonde herauszuziehen und die Patientin verhungern zu lassen?

Einhäupl:

Nein, das muss nicht grausam sein. Wie auch andere sterbende Menschen kann der Apalliker dabei Morphium erhalten. Diese Entscheidung für oder gegen eine Lebensverlängerung muss übrigens immer wieder im Verlauf der Krankheit gefällt werden. Dabei gibt es unterschiedliche Eskalationsstufen. Es kann etwa zu Infektionen oder Lungenentzündungen kommen. Soll man da die modernsten Antibiotika zur Lebensverlängerung geben? Und wie ist es bei einem Herzstillstand? Soll der Apalliker mit allen technischen Mitteln reanimiert werden? Was ist, wenn seine Leber oder das Herz versagt? Soll er dann ein Spenderorgan erhalten? Mit solchen Fragen müssen sich Angehörige auseinandersetzen. Es geht dabei immer um die Frage: Wo setzen wir die Grenze? Das sind ganz schwere Entscheidungen.

Inwiefern können Gesetze da helfen?

Einhäupl:

Mit Paragraphen lässt sich nur ein grober Rahmen abstecken, damit kann man Grenzen setzen. Lösen können wir das Problem aber nicht rechtlich, sondern nur im individuellen Fall nach bestem Wissen und Gewissen. Wir als Ärzte müssen dabei immer das Recht auf Leben beachten. Aber wir haben andererseits nicht das Recht, ein Leben unter allen Umständen künstlich zu verlängern.

Das Gespräch führte Lilo Berg“

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