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Zu: Unterernährung im Pflegeheim / Ausgemergelte Verstorbene

30. Juli 2009

Auf unseren letzten Patientenverfügung-Newsletter zu „Unterernährung“ im Pflegeheim und zum Hamburger Pflegebericht über „Ausgemergelte Verstorbene“ erhielten wir mehrere Leserbriefe, wobei es um ein aufwühlendes Spannungsfeld zwischen „Verwahrlosung“ und „Übertherapie im Sterben“ gehen kann.

Prof. Borasio steuerte einen hilfreichen Leitfaden bei:

„Liebe Frau Neumann, ich beziehe mich auf die letzte Ausgabe des Patientenverfügung-Newsletter: Die Fragen bezüglich der Durchführung von künstlicher Ernährung und Flüssigkeitsgabe bei pflegebedürftigen Patienten, insbesondere in der letzten Lebensphase, werden oft kontrovers und emotional diskutiert. Das Bayerische Sozialministerium hat 2007 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen mit dem Auftrag, für den Landespflegeausschuss einen Leitfaden zu diesem Thema vorzubereiten. Die Mitglieder der Arbeitsgruppe kamen aus den Bereichen Pflege, Hospizarbeit, Palliativmedizin, MDK sowie aus dem Sozial- und Justizministerium.

Das Resultat dieser Arbeit liegt nun vor: Der als pdf-Datei beiliegende Leitfaden wurde im Dezember vom Landespflegeausschuss einstimmig verabschiedet und ist auch auf der Website des Sozialministeriums unter folgendem Link kostenlos herunterzuladen: http://www.stmas.bayern.de/pflege

Wir hoffen, mit diesem Leitfaden einen Beitrag zur Klärung dieser oft schwierigen Fragen geleistet zu haben. Sie können die Datei bzw. den Link gerne an alle Interessenten weiterleiten.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommer und verbleibe

mit besten Grüßen, Ihr Gian Domenico Borasio „

  


Ebenso Dr. Gerhard Makus, der schrieb:

 

„Sehr geehrte Frau Neumann,

anbei der LINK mit Verweis auf den Ethikrat des Paderborner Caritasverbandes mit Handreichung zu PEG – Ernährung bei fortgeschrittener Demenz. Ich selbst habe als langjähriger Intensivmediziner und Klinikchef mit einem Kollegen als einer der beiden Ärzte im Ethikrat die Handreichung mitverfasst. Die weiteren Autoren sind

Klaus Bathen, Prof. Dr. Peter Berker, Prof. Dr. Franz-Joseph Bormann, Judith Brüggmann, Dr. Ulrich Dickmann, Hans Eickhoff, Brigitte von Germeten-Ortmann, Prof. Dr. Gerhard Kilz, Björn Kölber, Dr. Horst Luckhaupt, Joseph Lüttig, Dr. Gerhard Markus, Prof. Günter Wilhelms.“


 

 

Frau Inge R. setzte sich kritisch mit der Stellungnahme der Deutschen Hospiz Stiftung auseinander. Die Passagen, die sich auf den Ernährungszustand Verstorbener beziehen, haben wir fett markiert:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

die Äußerungen vom Geschäftsführenden Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, schockieren und empören mich doch sehr. Damit wird hier ein ganzer Berufsstand kriminalisiert! Gerade der Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung sollte wissen, dass der Tod in einem Pflegeheim etwas ganz natürliches und alltägliches ist. DAS PFLEGEHEIM IST DER WARTESAAL DES TODES. Kommen wir zu den einzelnen Punkten:

1. Unterernährung  Tiere stellen, wenn sie alt und krank sind, das fressen ein, ziehen sich zurück und legen sich zum Sterben hin. Warum dürfen Tiere das und warum gesteht man es dem Menschen nicht zu? Wer in der Altenpflege arbeitet, oder im Hospiz tätig ist und Erfahrungen in der Sterbebegleitung hat, der weiß, das der alte Mensch irgendwann die Nahrung versagt, sich immer mehr in sich zurück zieht und von seinem Leben Abschied nimmt. Soll ein Sterbender in seiner Abschiedsphase noch zwangsernährt und gestört werden? Wozu gibt es dann überhaupt noch Organisationen, die sich für eine Patientenverfügung stark machen? Zum einen fühlen sich die Ärzte nicht daran gebunden und wer sich dem Wunsch des sterbenden fügt soll kriminalisiert werden?

2. Druckgeschwüre  Druckgeschwüre kann man durch regelmäßige Lagerungen verhindern. Und durch Wechseldruckmatratzen. Soll man einen Sterbenden, der von seinem Leben Abschied nimmt ständig in seiner Abschiedsphase stören? Wann endlich darf ein alter Mensch in Frieden gehen?

3. Desolate Gebisse?  Alte Menschen haben äußerst selten noch eigene Zähne. Neue Gebisse werden von der Krankenkasse für die alten Leute doch gar nicht mehr bezahlt. Da wird vielleicht noch ein wenig unterfüttert, aber dann war es das schon. Irgendwann müssen die Alten halt damit leben, auch keine Zahnprothese mehr zu tragen. Warum? Weil ihre Ernährungsgewohnheiten sich ändern. Weil ihr Gaumen sich verändert und somit die vorhandene Zahnprothese nicht mehr sitzt, drückt und/oder als Fremdkörper empfunden wird. Daran ist das Pflegepersonal schuld?

Anstatt das Pflegepersonal zu kriminalisieren, sollte man sich viel mehr dafür einsetzen, dass das Pflegepersonal ausreichend Zeit für die Pflege hat. Damit könnte der alte Mensch im Pflegeheim besser betreut werden, aber ewig am Leben erhalten kann man ihn nicht.

Und mit 80 Kilo Lebendgewicht werden Sie, Herr Brytsch, wohl ein totes Unfallopfer vorfinden, aber selten einen alten Menschen zwischen 80/90 Jahren, der des Lebens müde geworden ist.

Und manchmal ist Das-Gehen-Lassen eines alten Menschen auch eine Gewissensfrage. Was ist für den Sterben wichtiger  Dass vom eigenen Leben Abschied nehmen, oder eine völlig intakte alte Haut mit ins Grab zu nehmen.

Sie mögen es später vielleicht wollen, dass man Ihnen mit Gewalt das Essen in den Mund stopft, oder mit einer PEG zwangsernährt, das man Ihnen immer wieder den Mund aufreißt, um Ihnen die Zahnprothese einzusetzen, auch wenn sie dabei Schmerzen empfinden und das man Sie, wenn Sie von Ihrem Leben Abschied nehmen Sie immer wieder dabei stört  ich wünsche mir nur, wenn es bei mir einmal soweit ist, das sich jemand behutsam und liebevoll um mich kümmert, meine Wünsche und Befindlichkeiten respektiert und mich meinen Weg gehen lässt. Aber dafür gibt es ja Gott sei Dank ja die Patientenverfügung. Bleibt nur noch ein letzter Wunsch. Das man sich auch daran hält.“

(Inge R.)

 


 

 

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