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Hospizbewegung und Identität – spielt Religion am Ende keine Rolle mehr?

19. Dezember 2009

Bei uns im Hospiz hängt kein einziges Kreuz

Es mag merkwürdig erscheinen: Der in der Diskussion gefallene Satz Bei uns hängt kein Kreuz, welcher der Stuttgarter Zeitung als Überschrift dient, stammt nicht etwa von dem Vertreter des neu initiierten überkonfessionell-humanistischen Dienstes Christoph Keiper.

Der Satz stammt vielmehr von der kommissarisch stellvertretenden Leiterin des evangelischen Hospizes, Annedore Napiwotzky. Sie antwortet auf die Frage nach der Rolle der Religion in ihrem Haus: Bei uns hängt im ganzen Haus kein einziges Kreuz. Die liegen in den Schubladen und können bei Bedarf jederzeit herausgeholt werden. Wir fragen bei der Aufnahme nicht einmal nach der Religionszugehörigkeit.

Laut Angelika Daiker, Leiterin des katholischen Hospizes in Stuttgart, haben auch Muslime und Atheisten keinerlei Berührungsängste vor einem christlichen Träger. Im ersten Jahr hat die Mehrheit unserer Hospizbewohner keiner der beiden großen Kirchen angehört, im zweiten Jahr 2008 war der größere Teil evangelisch oder katholisch, aber auch vier Muslime fanden den Weg zu uns – darüber haben wir uns sehr gefreut.

Christoph Keiper – der im übrigen selbst Mitglied der katholischen Kirche ist – bleibt jedoch dabei: Die  Kirchen sollten nicht allein den Bereich Sterbebegleitung besetzen, es soll ab nächstem Frühjahr auch Hospiz-Angebote mit humanistischer Ausrichtung geben. Ich glaube, dass Menschen in einer solch schwierigen Situation schnell in Bedrängnis kommen. Es reicht vielleicht schon, wenn der Begleiter fragt, ob wir beten. Plötzlich muss sich der Sterbende positionieren, aber hat er die Kraft dazu? … Deshalb halte ich es für wichtig, Sterbebegleitung ohne kirchliche Vorzeichen anzubieten, ohne Ordensschwestern und Vaterunser.

Quelle:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2295801_0_9223_-sterbebegleitung-bei-uns-haengt-kein-kreuz-.html

Portrait der drei Diskutanten

Nottaufen Andersgläubiger sind nur “Ausrutscher” gewesen

Einig sind sich alle drei darin, das in der Hospizarbeit der Mensch und nicht die Religionszugehörigkeit im Mittelpunkt steht. So genannte Nottaufen, die Andersgläubigen von pietistischen Ehrenamtlichen Andersgläubigen angeboten sein sollen, gelten als extreme Ausrutscher. Im Angesicht des Todes soll und darf in der Hospizbewegung oder bei Sitzwachen nicht missioniert werden. Die Frage der Religion scheint also keine Rolle mehr zu spielen. Es bleiben aber Vorbehalte. Wo liegen diese begründet? Die spirituelle Fraktion der Hospizbewegung stellt sich offenbar die Frage: 

Würde ein humanistisch-überkonfessionelles Hospiz auch die nötige Wachsamkeit gegenüber den von Annedore Napiwotzky gefürchteten Gefahren an den Tag legen? Würde es gar als Referent/innen in der hospizlichen Fortbildung missliebige Palliativmediziner und Juristinnen einbeziehen, die doch ausgegrenzt gehören? Ja, das wäre denkbar. In einer der Auftaktveranstaltungen bei den Humanisten Württemberg in Stuttgart am 4.11.09 war RA Petra Vetter, als Spezialistin für Patientenverfügungen und Patientenrechte am Lebensende in evangelischen Hospizkreisen in Ungnade gefallen, schon eingeladen.

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