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Katastrophaler Pflegenotstand überall – dramatischer als bisher bekannt

1. Februar 2009

Kliniken haben viel zu wenig Pflegepersonal

Berlin – Der Pflegenotstand in Krankenhäusern sei sehr viel dramatischer als in der Bevölkerung bekannt". Das geht aus einer anonymen Umfrage unter 2000 Krankenschwestern und Pflegern im Auftrag des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe hervor. Der Verband spricht von katastrophalen Ergebnissen". 82,5 Prozent der Befragten beklagen Personalmangel in ihrer Abteilung. Fast die Hälfte würde dort eigene Angehörige oder Bekannte nicht versorgt haben wollen. Experten zufolge fehlen bereits 70.000 Kräfte.
Der Tagesspiegel widmet diesem Thema seinen Aufmachertitel" am 31.1.: http://www.tagesspiegel.de

Kommentar: Sind wir kollektive Verdrängungskünstler?

Wie ist es nur möglich, dass wir für eine Operation sehr wohl wissen wollen, wie es um die Qualität des Chirurgen steht – dass wir nach der anschließenden Intensivpflege, die maßgeblich für die Genesung ist, aber nicht fragen. Ähnlich wie bei den Altenheimen: Wir wollen die weitgehende Misere dort lieber kollektiv verdrängen. Eine Pflege- und Geriatrielobby" für unsere letzten Lebensjahre kommt erst mühsam in Gang – obwohl der Anteil langwieriger chronischer Erkrankungen gravierend zunimmt und quasi zum Regelfall wird.

Als in den lezten Jahren erfolgreicher erwiesen hat sich die Lobby für Sterbende und für Hospizarbeit, die sich mit der Sondersituation der letzten Lebenswochen und -tage (i.d.R. todkranker Krebspatienten) befasst. Allerdings scheint man hier auch durch die konkreten Suizidhilfe-Fälle von Roger Kusch immer noch nicht begriffen zu haben, dass für diese die Angst vor dem Pflegeheim maßgeblich waren. Natürlich brauchen wir alternative Angebote für freiwillensfähige alte Menschen, die aus dem Leben scheiden wollen. Aber die zu entwickelnde Hospizarbeit wird dazu kein wirksamer Gegenpol" (s.u.) sein können. Wir wollen doch ehrlich und glaubwürdig bleiben und gerade in der Sterbebegleitungsbewegung auch unsere eigenen Grenzen anerkennen.

Krankenhauspflege z. B. von Intensivpatienten und die palliative Sterbepflege schlagen zurecht Alarm. Darüber hinaus gibt es ein weiteres Ringen im Rahmen des bestehenden Finanzvolumens: Zwischen Pflegebedürftigen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Dazu wurde ebenalls in dieser Woche von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ein neues Konzept zur Messung der Pflegebedürftigkeit vorgestellt. Es will endlich Schluss machen mit der Pflege im Minutentakt und soll den Demenzkranken zugute kommen.

Ja, darauf haben wir dringend gewartet und gefordert, dass die starren Pflegestufen aufgehoben werden. Aber: Mehr Geld soll es insgesamt – erst einmal – nicht geben.

Warum eigentlich nicht über ein Konjunkturpaket? Kann denn das Argument" der knappen Ressourcen heutzutage glaubhaft von der Politik vorgebracht werden? Erscheint die Ankurbelung von erlahmter Nachfrage nach dem goldenen Kalb" Autos (bei übersättigtem Markt!) wirklich sinnvoller als die Befriedigung dringend benötigter Arbeitsplätze im Gesundheitswesen? Die Pflege ist – mit derzeit ca. 1,2 Millionen Arbeitnehmer/innen – nachweislich der Jobmotor" mit Zukunft. Vielleicht ein vorgezogenes Wahlkampfthema?

Jedenfalls: Fragen Sie doch vor einem bevorstehenden Krankenhausaufenthalt demnächst auch einmal, wie es denn dort mit der Pflegequalität steht …


Ihre Patientenverfügung-Newsletter-Redaktion


 

Meldungen der letzten Woche

Abschied von der Minutenpflege – aber nicht mehr Geld

<< BERLIN taz Darauf warten viele pflegende Angehörige: Bundesgesundheitsministerium Ulla Schmidt (SPD) legte am Donnerstag ein neues Konzept zur Messung der Pflegebedürftigkeit vor. …. Nicht mehr der zeitliche Aufwand fürs Putzen oder Anziehen darf mehr der Gradmesser für Pflegebedürftigkeit sein, sondern das Ausmaß der Selbstständigkeit. …

Wie steht es um das Gedächtnis und die Kommunikationsfähigkeit des zu Pflegenden? Kann er oder sie sich ankleiden, essen und trinken, soziale Kontakte aufrechterhalten und einen Haushalt führen?
"Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff stellt einen Paradigmenwechsel dar", urteilte … Jürgen Gohde vom Kuratorium Deutsche Altershilfe. Die Gesundheitsministerin ergänzte, die Entwicklung gehe "weg von ,Minutenbetreuung’, hin zu ganzheitlicher Betreuung".
Doch noch ist es nicht soweit. … Einen Gesetzentwurf werde sie bis zur Bundestagswahl Ende September jedoch nicht mehr einbringen, erklärte Schmidt. … Teurer als bisher wird die Pflege auf alle Fälle. >>

Quelle und mehr:
http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/abschied-von-der-minutenpflege
Siehe auch: http://nachrichten.rp-online.de/article/titelseite/Mehr-Pflegegeld-fuer-Demenzkranke/27953  

Runder Tisch Palliativmedizin" plant Charta

In der vergangenen Woche wurde – wie angekündigt – ein Runder Tisch Palliativmedizin" gegründet. Und zwar gemeinsam von der Bundesärztekammer (BÄK), der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) und dem Deutschen Hospiz- und Palliativerband (DHPV) gegründet. Geplant ist eine nationale Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen". Diese soll, wie der Hauptgeschäftsführer der BÄK, Christoph Fuchs, bei der Auftaktveranstaltung am Dienstag sagte, vor allem eins: …ein wirksamer Gegenpol zu den Angeboten für einen assistierten Suizid werden".
Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=35211

Richtlinie zur ambulanten Palliativversorgung wird immer noch nicht umgesetzt 

Michael Kauch (FDP): Mangelnde Umsetzung der gesetzlichen Palliativrichtlinie wird zum Ärgernis. Quelle Pressemitteilung vom 21.1.:
http://www.fdp-fraktion.de/webcom/show_websiteprog.php/_c-649/_lkm-84/_nr-11740/bis-/i.html  

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