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Medizin für Menschen – Patient vor Profit!

27. September 2019
Gita Neumann, Dipl.-Psych. Redakteurin des Newsletters Patientenverfügung gita.neumann@humanismus.de

Mit dem Thema „Ärzte klagen an: Sind Krankenhäuser gefährlich für Patienten?“ griff Sandra Maischberger eine Titelgeschichte des Stern zum „Ärzte-Appell“ auf. Für besondere Betroffenheit sorgte ihr Gast Eckart von Hirschhausen. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKD), widersprach.

Patient_innen rechnen sich dann für ein Krankenhaus, wenn an ihnen möglichst viele Eingriffe und Prozeduren vorgenommen werden, die in Fallgruppen eingeteilt und dann pauschal vergütet werden. Ineffizient ist es stattdessen, wenn die Ärzt_innen mit ihnen sprechen und über eine angemessene Behandlung nachdenken. Gegen diese gravierenden Missstände haben sich – so massiv wie noch nie – 215 Ärzt_innen als Einzelpersonen sowie 19 Organisationen geschlossen hinter einen Ärzt_innen-Appell stellen, der im stern in der Printausgabe Nr. 37 am 5. September erschienen ist.

Seit 2003 werden Behandlungen in deutschen Krankenhäusern nicht mehr nach Tagessätzen, sondern nach Eingriff abgerechnet. Man spricht hier vom System sogenannter DRGs, zu deutsch: Fallpauschalen. “Und jeder Eingriff erzeugt Gewinn, es wird viel zu viel operiert”, so stern-Wissenschafts-Autor und Mediziner Bernhard Albrecht, der für die Titelgeschichte des Magazins Anfang September mit mehr als 100 Mediziner_innen gesprochen hat.

In der Sendung von Maischberger schildert Albrecht sein deprimierendes Fazit: „Wir kommen heute in Notaufnahmen oder wir werden vom Arzt eingewiesen und wir haben bereits ein Preisschild auf der Stirn.“ So werde etwa ein alter, verwirrter Mann, der auf der Straße aufgegriffen wurde, „eher weggeschickt“ als jemand, der sich den Unterarm gebrochen hat. Albrechts Recherche ergab, dass schon die Verdachtsdiagnose darüber entscheidet, wie interessant jemand für die Klinik ist, ob man ihn „mit Kusshand“ aufnehmen möchte oder wenn irgend möglich unter Vorwänden weiterschicken sollte. Eine Kopfwehattacke sei weniger wert als ein Magengeschwür, dieses wiederum weniger als ein Herzinfarkt, am lukrativsten sei eine Krebserkrankung.

Heftigster Streit bei Maischberger

Für besondere Aufregung sorgt Eckart von Hirschhausen, TV-Moderator, Show-Master und Arzt, der früher selbst in der Kinderheilkunde tätig war: Eine Intensivstation bekäme für Frühchen umso mehr Geld, je leichter deren Gewicht sei, sagte von Hirschhausen. Das führe dazu, “dass Kinder früher geholt werden, weil sie dann lukrativer sind”. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft widerspricht entschieden: “Dafür haben Sie wirklich keinen Beleg!“ wirft er Hirschhausen vor. „Das wäre ein Straftatbestand, eine Körperverletzung! Wenn Sie wirklich jemanden kennen, der das tatsächlich macht, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, diese Person anzuzeigen!“.

Doch Hirschhausen beharrt darauf, dass die Fallpauschalen solche Fehlanreize setzten. „Für das Kind ist der Mutterbauch das Allerallerbeste, im Gegensatz zum Inkubator. Und da sieht man auch eine Verzerrung des Wettbewerbes“, erklärte Hirschhausen. Ein Freund von ihm, Chefarzt einer Frühchenstation, habe ihm bestätigt, dass dadurch etliche Neugeborene regelrecht „geopfert“ würden.

Auf das ungläubige Nachfragen der Moderatorin Maischberger nennt er noch einen weiteren Grund: „In Dänemark wird die ganze Frühchenheilkunde konzentriert auf wenige Kliniken, die das richtig gut können. In Deutschland aber haben wir auf diesem lukrativen Gebiet sehr viele Kliniken, die das anbieten.“ Dabei seien vor allem kleine Kliniken grundsätzlich für Patient_innen ein Problem, weil sie dort „nicht nach den besten Standards, sondern behandelt werden von Leuten, die das nicht jeden Tag in dieser Intensität können!“

Die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU, Karin Maag, verteidigt das Fallpauschalen-System: “Es ist gut und richtig, dass im Krankenhaus wirtschaftlich gedacht wird.” Früher habe man für eine Blinddarm-Operation 14 Tage in der Klinik gelegen. Das Problem sei tatsächlich, da sei Hirschhausen zuzustimmen, ein anderes: “Wir haben zu viele Krankenhäuser.”

Die Gynäkologin und ehemalige Chefärztin Maike Manz bringt ein weiteres Beispiel für ungerechtfertigte Operationen: Den immer häufigeren Kaiserschnitt. Auf Maischbergers Fragen, ob besser vergütete Kaiserschnitte auch deshalb gemacht werden, weil die natürliche Geburt sich zu lange hinzieht und ob Ärzt_innen zu eigentlich ungewollten Eingriffen überreden können, antwortet sie: „Das passiert. Das muss man tatsächlich so sagen … Wenn man ganz ehrlich ist, glaube ich, dass man als Arzt nahezu jede Patientin oder jeden Patienten an einen Ort hinargumentiert bekommt, wo man ihn haben möchte.“ Das könnte fatalerweise sogar mit einer Floskel passieren wie „Das würde ich meiner eigenen Frau auch empfehlen“. Sie selbst habe die „fast natürliche Inbalance zwischen betriebswirtschaftlichen Zwängen und ärztlichem Gewissen“ nicht mehr ausgehalten und kündigen müssen.

Hirschhausens Tipp

Gaß als Klinikvertreter widerspricht bei Maischberger allen Vorwürfen: „Man kann nicht behaupten, dass die Patient_innen Operationen sozusagen aufgeschwätzt bekommen, damit die Krankenhäuser Geld verdienen.“ Auf der Internetseite dkg der von ihm vertretenen Krankenhausgesellschaft wird am nächsten Tag unter anderem verbreitet:

„Neben anderen Vorwürfen wurde in der Maischberger-Sendung behauptet, Krankenhäuser würden unnötigerweise Kaiserschnitte vornehmen. … Auch diese Behauptung wird durch Fakten widerlegt. … Die wichtigsten Gründe sind das zunehmende Alter der Schwangeren und die zunehmende Größe der Neugeborenen. … Zudem stellt sich die Frage, ob Ärzte werdende Mütter tatsächlich zu einem Kaiserschnitt überreden können, wenn es dazu keinen medizinischen Grund gibt. Tatsächlich dürfte es kaum besser informierte Patientinnen als Schwangere geben. …“

Eckehart von Hirschhausen rät, wie viele Patientenvertreter_innen auch, eine Zweitmeinung einzuholen. Und er gibt den Zuschauer_innen der Maischberg-Sendung Fragen an die Hand, die sie Ärzt_innen vor jedem gravierenden Eingriff stellen sollten: Wo ist der Nutzen? Wo ist der Schaden? Wo ist der Beweis? Was passiert, wenn wir abwarten und beobachten?

Hier direkt zu dem von Dr. Michael Thöns und anderen initiierten Projekt www.zweitmeinung-intensiv.de.

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