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Patientenmord-Serie unvorstellbaren Ausmaßes

15. November 2018

Patiententötungen im Krankenhaus kommen häufiger vor als gedacht. Das behauptet seit langem der Psychiatrieprofessor und Buchautor Dr. Karl H. Beine. Doch wie konnte der Pfleger Niels Högel einhundert Patient_innen hat er wohl auf dem Gewissen –   zum Massenmörder aus innerer Leere werden?

Gita Neumann, Dipl.-Psych.
Redakteurin des Newsletters Patientenverfügung gita.neumann@humanismus.de

Trauer und Wut – jüngstes Opfer erst 34 Jahre alt

Der erneut wegen (mindestens) 97-fachen Patientenmordes angeklagte ehemalige Krankenpfleger Niels Högel (41) hat die Taten vor dem Landgericht Oldenburg pauschal gestanden. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters zum Prozessauftakt am 30. Oktober, ob die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zuträfen,  antwortet Högel überraschend mit “Ja”.

Der Angeklagte befindet sich bereits im Gefängnis, ist unter anderem wegen zweifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Dies war aber nur die Spitze des Eisbergs, wie sich jetzt herausgestellt hat. Nach Abschluss toxikologischer Untersuchungen werden ihm während der Jahre 2000–2005 in einer Delmenhorster und einer Oldenburger Klinik jeweils 62 und 35 weitere Patientenmorde zur Last gelegt. Sein jüngstes Opfer war eine erst 34jährige Frau.

Es ist wohl der größte Mordprozess der bundesdeutschen Kriminalgeschichte – so groß, dass er in keinen Gerichtssaal passt, sondern in einer Veranstaltungshalle stattfindet. Er begann mit einer Schweigeminute für die Opfer. Über einhundert Nebenkläger_innen wollen endlich Klarheit, wie und warum ihre Angehörigen getötet wurden und warten voll Trauer und Wut schon seit Jahren auf den Prozess. Für sie ist es eine Achterbahn der Gefühle, sagt Christian Marbach, Nebenkläger-Sprecher: „Sie wollen, dass es endlich losgeht. Gleichzeitig haben sie auch Angst davor.“

Grausamkeit aus innerer Leere – kein Sterbehilfemotiv

Högel hatte willkürlich ausgewählten Patient_innen in der Regel die Überdosis eines Herzmedikaments – ein Antiarrhythmikum – gespritzt. Dieses wird normalerweise nur nach strenger ärztlicher Indikation und sehr sorgfältig verwendet. Denn es ist bekannt, dass das Mittel paradoxerweise nicht nur „anti“, sondern auch „pro“ Herzrhythmusstörungen Wirkung erzielen kann. Auf letzteres hatte es der Ex-Krankenpfleger abgesehen. Seine grausame Absicht: bei den Schwerkranken eine lebensbedrohliche Kreislaufkrise mit reanimationspflichtigen Notfällen herbeizuführen, um anschließend seine Opfer wiederbeleben zu können. Sein Motiv: als Pfleger der Klinikroutine sowie inneren Leere zu entgehen und stattdessen Anerkennung und Bewunderung als herausragender Notfallspezialist zu erhalten. Diese wurde ihm, der gar kein Intensivpfleger war, auch zuteil. Nach dem „Kick“ einer erfolgreichen Reanimation habe er sich gut gefühlt, sagte Niels Högel im früheren Prozess vor Gericht. Doch dann sei die Leere wieder da gewesen, und er habe sich schon nach wenigen Tagen ein neues Opfer gesucht. Es mögen schätzungsweise zweihundert gewesen sein. Viele von ihnen mussten sein „Gott spielen“, wenn der Tod schneller war als die Reanimation, mit dem Leben bezahlen – etwa einhundert Patient_innen im Zeitraum von fünf Jahren.

Högel litt an Depressionen und Ängsten, nahm Medikamente, trank zu viel Alkohol. Er hat seinen schwindenden Selbstwert immer wieder zu stabilisieren versucht, indem er auf Stationen damit imponierte, wie erfolgreich er zu reanimieren vermochte. So lautet die Einschätzung von Dr. Karl H. Beine, früherer Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Professor an der Universität Witten/Herdecke. Er befasst sich seit 25 Jahren mit dem Thema Patiententötungen und ist (zusammen mit J. Turczynski) Autor des Buches Tatort Krankenhaus.

Auch für Beine hat die Mordserie des Ex-Pflegers Högel eine einzigartige Dimension – nicht nur wegen des monströsen Ausmaßes, sondern weil in den meisten einschlägigen Fällen im Krankenhaus oder Pflegeheim direkt getötet wird: „Die Täter sind nicht mehr in der Lage, zwischen dem eigenen und dem fremden Elend zu unterscheiden“, so Beine im Experteninterview. „Sie denken, sie tun dem Menschen einen Gefallen, den sie von `seinem Leiden erlösen´…” – dem sie also in ihren Augen eine Form unerbetener „Sterbehilfe“ zukommen lassen würden.

Todespfleger und entmenschlichtes System

Laut Beine wissen wir nichts über die tatsächliche Dunkelziffer von Patiententötungen in deutschen Kliniken und Heimen. Es handele sich jedoch keinesfalls um Einzelfälle, wie immer wieder von den Verantwortlichen reflexartig geäußert wird. Seit 1976, so Beine im Spiegel, gäbe es allein zehn „gerichtsbekannt gewordene Tötungsserien“. Das Problem bei der Aufdeckung sei: „Helfer sind diejenige Tätergruppe, von der man am wenigsten erwartet, dass sie so etwas tut. … Und die Methoden, mit denen getötet wurde, wirken oberflächlich betrachtet wie alltägliche medizinische Verrichtungen“.

Wie stets stellen sich – beim Serienmörder Högel besonders brennend – Fragen, auf die es dringend Antworten geben muss. Wie viele Menschen und Systeme haben versagt? Wieso ist nicht aufgefallen, dass der entsprechende Verbrauch des Herzmittels – ohne ärztliche Indikation – um ein Vielfaches gestiegen war? Oder dass sich beim Personaleinsatz von Högel die Sterberate erhöhte? Anzeichen und Auffälligkeiten gab es mit Sicherheit viele – sie wurden ignoriert. Im Anschluss an den jetzigen Mordprozess sind Verfahren gegen damalige Verantwortungsträger und Kollegen von Högel anhängig. Vier Klinikmitarbeiter_innen werden sich wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen gegen fünf weitere laufen noch.

Wurde Högel gar in internen Gerüchten als „Todespfleger“ bezeichnet? Im vorhergehenden Prozess war deutlich geworden, dass es sowohl in Oldenburg als auch in Delmenhorst Verdächtigungen und Misstrauensbekundungen gegen ihn gegeben hatte. Zumindest ein Chefarzt wollte Högel nicht weiter in seiner Abteilung beschäftigen. Doch, so führt der Angeklagte laut Prozessbericht der Hannoverschen Allgemeinen (HAZ) aus, sei die Stimmung zwischen Ärzt_innen und Pflegenden allgemein schlecht gewesen. Auch habe es etliche chirurgische Fehler bei Operationen gegeben. Im Klinikum Oldenburg habe er sich dann für die kardiologische Intensivstation entschieden. Weiter fasst die HAZ zusammen: „Aber da sei die Situation sehr angespannt gewesen, weil Pfleger gefehlt hätten. Er habe trotzdem den Ehrgeiz gehabt, zum harten Kern der `elitären Pflegekräfte´ zu gehören. Die Arbeit mit den Intensivpatienten beschreibt Högel als `entmenschlicht´ und mechanisch, weil die eigentliche Pflege in den Hintergrund gerückt sei “.

Tatort Krankenhaus – unverantwortliche Panikmache?

Im aktuellen Interview mit dem Deutschlandfunk rät der Psychiater Bein, worauf bei der rechtzeitigen Vorbeugung zu achten ist: „…wenn jemand weitestgehend unfähig ist, menschliches Leiden, auch menschliches Sterben zu begleiten … und nicht fähig, … diese Ohnmachtserfahrung zu akzeptieren, … [Diese Unfähigkeit] kann man erkennen, weil Menschen in solchen Situationen sich über längere Zeit verändern, sich zurückziehen, sich isolieren, eine andere Sprache benutzen. Von daher muss dieses Frühwarnsystem an der Stelle dringend bekannt sein und es muss sensibilisiert werden …, dass es so etwas wirklich geben kann, selbst im eigenen Haus.“

 

Der Untertitel des Buches Tatort Krankenhaus lautet: „Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert.” Im Verlagstext heißt es: „Wenn nicht der Mensch – als Patient und als Pflegender – im Mittelpunkt des Gesundheitssystems steht, sondern Profit, Apparate und Pharmazeutika, dann wird das Gesundheitssystem zur Gefahr. Die Folge: Gestresste Pfleger und Ärzte, Unzufriedenheit, Behandlungsfehler und eine zunehmende Resignation. Einige Mitarbeiter reagieren gewalttätig auf ihre Überforderung.“ Übrigens: Als Prof. Beine seine Studien mit hochgerechneter Zahlenschätzung an Patiententötungen veröffentlichte, hatte er für seine „hirnrissige und unverantwortliche Panikmache“ massive Kritik einstecken müssen.

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