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Auferstehung: Von wortkargen Kirchen und überschätzten Hospizen

22. November 2009

Buchempfehlung: Matthias Kamann, Todeskämpfe. Die Politik des Jenseits und der Streit um Sterbehilfe. 154 Seiten,

17,80 Euro. Erschienen Oktober 2009.

Hier mit Leseprobe (Kapitel: Walter Jens und die Gesundbeter) http://www.transcript-verlag.de/ts1265/ts1265.php


 

Neuer Umgang mit der “Todeszone”

Kommentar und Buchbesprechung zu Matthias Kamann von Gita Neumann (Redaktion Patientenverfügung-Newsletter von www.patientenverfuegung.de):

Matthias Kamann (Dr. Phil.), geb. 1961, ist Buchautor und Politik-Redakteur der Zeitung die WELT. Seine Themen: Neuer Umgang mit dem Tod, Jenseitsglaube, Sterben, Patientenverfügung, Bioethik, evangelische Kirche. Sein Anliegen: Ergründen, wie sich in den westlichen Gesellschaften eines der größten Tabus auflöst, die Menschen sich mit immer individueller werdenden Umgangsformen der Todeszone nähern, Selbstbestimmung einfordern. Kamann sieht tief greifende gesellschaftliche Veränderungen in der alternden Gesellschaft zum Umgang mit Sterben und Tod auf uns zukommen.

Ewigkeitssonntag contra Esoterik

Anlässlich des heutigen Toten- oder Ewigkeitssonntag weist er auf eine Merkwürdigkeit hin:

Die Gebildeten hören sich das bei Kirchenkonzerten gern an und sind dann ganz ergriffen. Dem einfachen Kirchenvolk aber, das doch noch viel mehr der Veranschaulichungen bedarf, dem bieten die meisten Professoren und Bischöfe entweder nichts oder nur blutleere Floskeln an. Da muss man sich über den Esoterik-Boom nicht wundern. (M. Kamann in: Die Welt, 22.11.2009).

Kamann hat zuletzt in seinem eben erschienenen Buch Todeskämpfe den Finger in die Wunden gelegt, die er bei kirchlichen und ethischen Fehleinschätzungen bei der Sterbehilfe und Defiziten beim Auferstehungsglauben aufspürt.

Warum werden Hospize überhöht?

Seine gnadenlosen Analysen gegen das Gesundbeten von Problemen wie z. B. dem der Demenz könnten beim Lesen der ersten Kapitel zu einem Fehlschluss führen. Man meint zunächst, hier schreibt jemand, der in Abrechung mit der überschätzten Hospizbewegung den Alterssuizid der Kandidatinnen etwa von Roger Kusch für absolut verständlich und dessen Unterstützung folglich für geboten hält. In Todeskämpfe geht Kamann u. a. der Frage nach: Warum genießen Hospize, wo Menschen nach wenigen Tagen, allenfalls Wochen sterben, einen so exzellenten gesellschaftlichen Ruf (eines Himmels auf Erden), während die Pflegeheime, wo Menschen tatsächlich noch Monate und  Jahre leben, verabscheut und (als Schattenreich des Todes) gemieden werden?

So noch nie so gehört, quasi unerhört, fällt der Befund von Kamann  aus:

Es ist einfach billiger, Menschen lediglich in den letzten Wochen ihres Lebens fürsorglich zu betreuen, als dies zwei oder drei Jahr lang im Pflegeheim zu machen. In Zukunft wird es nicht besser. Was im Zuge des demographischen Wandels an Pflegebedürftigkeit auf die Gesellschaft zukommt, sprengt die Vorstellungskraft so sehr, dass sich nur gut verstehen lässt, wenn man die stationäre Pflegephase schleifen lässt und sich darauf konzentriert, den Menschen in den letzten, überschaubaren und wenigen Tagen ihres Lebens zur Seite zu stehen.

Hinzu kommt, dass die Palliativmedizin als eine Art Abwehrzauber gegen die Sünde der Sterbehilfe aufgefasst und entsprechend propagiert wird. Palliativmedizin und Hospize müssen gut sein, weil jene Suizid-Assistenz böse ist, gegen die sie sich angeblich richten. Dass diese Logik verquer ist, bemerkt man spätestens dann, wenn man bedenkt, dass zumindest Alterssuizide … vielmehr aus Furcht vor der Heimphase verübt werden. (M. Kamann, Todeskämpfe, S. 70)

Doch man täusche sich nicht: Kamann geht es um eine (Wieder-)Verlebendigung des christlichen Glaubens und um die Sehnsucht, die Institution der Kirche möge sich im Namen von Humanität, Glauben, Todesdramatik, Ernsthaftigkeit und Redlichkeit erneuern. In der Debatte um die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen ebenfalls in seinem Buch Todesskämpfe nachgezeichnet, hat er sich sehr eindrücklich für die jetzt zum Gesetz gewordene liberale Regelung ausgesprochen und auch persönlich dafür stark gemacht.

Aufbegehren und Aufrütteln

Doch könnten seine brillanten  Analysen und sein Aufbegehren, mit denen er den Kirchen die Gefahr ihres Bedeutungslos-Werdens vor Augen zerren will, auch ganz anders verstanden werden. In Todeskämpfe gerät das letzte Kapitel, in dem er seine eigenen Ansichten offen legt, seltsam schwach und unausgegoren gegenüber der Wucht der vorangegangenen Analysen.

Aus diesen könnten zumindest eben so gut auch ganz andere Schlussfolgerungen gezogen werden: Z. B. das Ideal eines für Verantwortung und Gerechtigkeit stehenden Humanismus, der mit Poesie, Naturliebe und ggf. atheistischer Mystik auch spirituell angehaucht ist, der ohne Gott, Auferstehungsglauben und Esoterik auskommt. Hier gäbe es freilich eine andere ethische Grundprämisse für den Umgang mit der unerbittlichen Naturherrschaft von Werden und Vergehen: Geburtshilfe, Lebenshilfe und Sterbehilfe würden als Einheit verstanden. Den Gedanken an eine solche Beerbung (und auch nur das einmalige Nennen des Begriffs Humanismus) will Kamann freilich gar nicht erst zulassen  aus nicht weiter begründbaren Hindernissen. Diese dürften letztendlich seiner aus Kindertagen überkommenen Kirchentreue, verbunden mit den Sehnsüchten eines Wieder-Heil-Werdens  entstammen. Das ist auch völlig in Ordnung so. Allerdings dürfte ihm dabei  bewusst sein, dass die drastische Stärke seines Aufrüttelns auch die kirchlichen Grundfesten weiter destabilisieren könnte.

Gegen das Bedeutungslos-Werden und -Sein

Kamann zu Ehren soll nicht unerwähnt bleiben: Von Propagandisten der Suizid- und Sterbehilfe, die im Freitod des Menschen höchste Würde verkörpert sehen, wird sein Buch Todeskämpfe als der Gipfel des Zynismus (miss)verstanden. Fazit: Das Buch verdient größte Aufmerksamkeit, um bedenkens- und wünschenswerte Entwicklungen von welchen weltanschaulich-religiösen Bewegungen auch immer zu befeuern: Für ihren gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutungsgewinn.

Matthias Kamann, Todeskämpfe (Schlagworte: Kultur, Pflegesystem, Religion, Sterbehilfe, Roger Kusch, Harry Potter) im Transcript-Verlag  http://www.transcript-verlag.de/ts1265/ts1265.php

 

Heute in die WELT (22. November 2009), von Matthias Kamann

Die Macht der letzten Posaune

Immerhin hat ein evangelischer Bischof jetzt sprachliche Sorgfalt angemahnt. Nicht der `Totensonntag´ sei der heutige Tag, erklärte Bischof Gerhard Ulrich aus Nordelbien, sondern der `Ewigkeitssonntag´. Denn `wenn am letzten Sonntag des Kirchenjahres der Verstorbenen gedacht wird, dann tun Christen und Christinnen das in tiefer Trauer und in großer Hoffnung zugleich´, sagte Ulrich und bekräftigte so, wovon das Glaubensbekenntnis spricht: `Auferstehung der Toten und das ewige Leben´.

An Gräbern weht Christen eben nicht nur der novemberkühle Hauch des Todes an, sondern auch der Frühlingswind der Erlösung. Ihn haben die frühen Christen bei ihrem Märtyrergedenken gespürt, das ein Erinnern `in Richtung nach vorn´ war und der `Erde als ganze einen Segen´ spendete, wie Robert Harrison in seinem grandiosen Buch `Die Herrschaft des Todes´ schreibt: `Für die Gedenkenden gehörten die Toten bereits zur stets gegenwärtigen Zukünftigkeit des Reiches Gottes, und Gleiches galt für die Seelen der Gläubigen im Augenblick des Gedenkens.´

Doch ist die evangelische Kirche mittlerweile sehr wortkarg geworden, wenn es um den Auferstehungsglauben geht. Bei Beerdigungen begnügen sich allzu viele Geistliche damit, das Leben der Verstorbenen nachzuzeichnen, und reden höchstens mal von `Zuversicht´ oder davon, `dass der Tod nicht das letzte Wort hat´. Das geschieht nicht bloß aus Rücksicht auf möglicherweise skeptische Trauergemeinden. Vielmehr werden die Pfarrer dazu von den Theologie-Professoren ermuntert, die unablässig erklären, man dürfe den Auferstehungsglauben nicht durch menschliche Vorstellungen trivialisieren …”

Weiter unter: http://www.welt.de/die-welt/debatte/article5290033/Die-Macht-der-letzten-Posaune.html

 

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