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Einer gegen das Schweigekartell – Wirkungs- und wortmächtig

21. März 2010

Tiefe Scham

Das erregt Aufsehen: Wenn jemand mit der skandalösen Verteilungs-Ungerechtigkeit im Gesundheits- und Pflegewesen abrechnet und dabei Tabubrüche begeht.

Am Wochenende wurde anlässlich auf der Leipziger Buchmesse mit gleich mehreren Lesungen das Verhältnis von Hochleistungsmedizin und Sterbekultur radikal neu bewertet. Das Buch heißt Wie wollen wir sterben?, Autor ist der 63jährige Berliner Dr. Michael de Ridder, Chefarzt einer der größten Rettungsstellen Europas.

Er schildert die herrschende Kälte in den Krankenhäusern und wie die Wiederentdeckung der ärztlichen Gesprächsqualität wahre Wunder bewirken kann. Er hat als Notfallarzt krasse Formen von Verwahrlosung bei Altenheimbewohner/innen erlebt, die in einem zivilisierten Gemeinwesen tiefe Scham hervorrufen müssen. Er prangert schonungslos eine Politik und Pflegeversicherungsbürokratie an, die es sich mit bornierter Ignoranz bequem gemacht hätte.

Dabei setzt sich de Ridder bei Schwerleidenden auch für die ärztlich assistierte Suizidhilfe und Sterbehilfe ein – er scheint dazu prädestiniert, diese aus dem Außenseiter- und Grauzonen-Milieu herauszuholen. Denn der erfahrene Arzt ist alles andere als ein Provokateur oder Egomane, sondern ein seriöser Medizin-Ethiker, gewissenhafter Kliniker und humanistischer Aufklärer. Überzeugungskraft zeichnen ihn ebenso aus wie herzliche Zugewandtheit und absolute moralische Integrität. Ihm wurde bereits 2009 vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) der Ossip-K.-Flechtheim-Preis für sein besonderes Engagement verliehen.

Kurzes Videointerview mit Dr. de Ridder:

http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=21391

 

Die WELT: Ihn wird man nicht einfach ignorieren können

Die WELT schreibt heute (von Matthias Kamann):

Obwohl die Suizid-Assistenz in Deutschland straffrei ist, wurde jeder Vorstoß in diese Richtung von der Ärztekammer brüsk zurückgewiesen. Jetzt will der Berliner Arzt Michael de Ridder mit diesem Tabu brechen. Er setzt sich als erster leitender Arzt in Deutschland für die Hilfe bei der Selbsttötung ein.

Katharina S. war eine hochbegabte Biologin. Mit 41 Jahren erlitt sie nach einem Autounfall eine Rückenmarksquetschung. Sie ist vom Hals abwärts gelähmt. Ohne Beamtungsgerät kommt sie nur für kurze Zeit aus, sprechen kann sie lediglich durch ein Mikrofon. Arme und Beine wird sie nie wieder bewegen können. Sie liegt in einer neurochirurgischen Klinik. Sie will sterben. Jemanden anfassen? einen Stein vom Boden aufheben? können Sie sich vorstellen, auf das alles verzichten zu müssen?, hat sie den Berliner Arzt Michael de Ridder gefragt, der sie regelmäßig besucht. Sie hat weiter gefragt: Können Sie erahnen, was es heißt, als beatmeter Kopf zu leben und das vielleicht noch 20, 30 oder 40 Jahre lang? Sie wünscht sich ärztliche Hilfe beim Suizid.

De Ridder kann sich vorstellen, ihr die Hilfe zu gewähren. Als erster leitender Arzt in Deutschland bekennt der Leiter der Rettungsstelle am Berliner Urban-Krankhaus öffentlich die Bereitschaft, einem hoffnungslos und schwerstens erkrankten Menschen einen freiverantwortlich gefassten und dauerhaften Wunsch nach ärztlicher Suizid-Hilfe zu erfüllen. Zwar schreibt er in seinem neuen Buch Wie wollen wir sterben? (DVA), dass man bei Katharina S. abwarten müsse, ob sie durchs Training in der Klinik auf Dauer vom Beatmungsgerät loskommt und nach Hause kann und was sie dann denkt. Doch wenn sie durch Prüfung ihrer selbst in diesen offenen Fragen Klarheit für sich gewinnt, wird meine Bereitschaft, ihr mit meiner ärztlichen Hilfe ein friedliches Sterben zu ermöglichen, zu einem Entschluss reifen können, den ich vor meinem Gewissen verantworten kann und immer verteidigen werde, schreibt de Ridder.

Damit rüttelt er am größten medizinischen Tabu Deutschlands. Hilfe bei der Selbsttötung das ist von Politik, Kirchen und Bundesärztekammer in die Schmuddelecke des früheren Hamburger Justizsenators Roger Kusch und des Sterbetourismus Richtung Schweiz verdrängt worden. … .

Das Schweigekartell gegen diese Mediziner zu brechen ist ein Anliegen de Ridders. Wobei der 63-Jährige kein wilder Tabubrecher ist. Abwägend skizziert er in seinem Dienstzimmer sein Ziel: Es geht mir erst einmal nicht um konkrete Regelungen oder Bestimmungen zur Sterbehilfe, sondern darum, dass wir in der Ärzteschaft das Redeverbot aufheben, das die Bundesärztekammer gegen die Bedürfnisse vieler Mediziner bei dem Thema verhängt hat. Ich will, dass die Medizin ihre Arme öffnet für Patienten in Todesnähe und unerträglichem Leid und sich dieser Menschen ergebnisoffen annimmt.

Schwer vorstellbar, dass man auch ihn ignorieren kann. Der 1947 in Ratingen geborene Internist und Diplombiologe hat seit 1979 in Hamburg und ab 1984 in Berlin enorme Erfahrung auf inneren und Intensivstationen gesammelt, viele Jahre lang fuhr er als Notarzt raus. Seit 1994 leitet er am Urban-Krankenhaus die Rettungsstelle, mit jährlich rund 40.000 Patienten eine der größten Europas. Von dieser Rettungsstelle her lässt sich erst verstehen, worum es ihm geht. Eindringlich erzählt er, was schwerstkranken Menschen widerfahren kann, die ihrem natürlichen Tod entgegen gehen, aber hektisch in Kliniken gebracht werden.

Immer noch versuchen es dann viele Ärzte mit knochenbrecherischen Herzmassagen und Stromstößen, mit Sonden und Schnitten und schaffen ein Leiden, das alsbald doch zum Tode führt. …

Quelle (vollständig, mit Foto):

http://www.welt.de/politik/deutschland/article6848224/Wenn-ein-beatmeter-Kopf-um-Erloesung-bittet.html

Was Krankenkassen brennend interessieren sollte

De Ridder vermag Leser/innen und Zuhörer/innen in seinen Bann zu schlagen. Er erklärt medizinisch-wissenschaftlich die Hintergründe seiner spannungsgeladenen Fallgeschichten um Hirntod, künstliche Ernährung durch PEG-Sonde (Legende vom Verhungern und Verdursten), mangelhafte Schmerztherapie (Verordnetes Leid), Wert der Palliativmedizin (Verkanntes Fachgebiet), so genanntes Wachkoma, Hirntod, Reanimation (War das praktizierte Heilkunde? Sah so die Erfüllung des Auftrags der Medizin aus? Oder wurde dieser Auftrag hier gerade in sein Gegenteil verkehrt?).

Und immer wieder gesundheits- und gesellschaftspolitische Anklagen angesichts des beschämenden Elends von Pflegebedürftigen (Vom Sterben der Alten und Gebrechlichen): Niemand kennt die Zahl der Krankenhausaufnahmen, die allein schweren Pflegemängeln geschuldet sind. Niemand will es wissen, obwohl das Ergebnis einer solchen Untersuchung die Krankenkassen brennend interessieren sollte, sind sie doch Treuhänder der Beiträge ihrer Versicherten. Doch mit bornierter Ignoranz leben Gesundheitspolitiker und Pflegeversicherungsbürokratie allemal bequemer … die Krankenkassen honorieren mit Milliarden eher eine Unzahl unnötiger Herzkatheteruntersuchungen, Röntgenleistungen und fragwürdiger Arzneimittel als die personal- und zuwendungsintensive Versorgung von Alzheimerpatienten oder Hausarztbesuche bei hilflosen Parkinson-Kranken. (S. 77 f)

Resonanz und Lesungen

Siehe auch weitere Beiträge mit Leseprobe:

http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,3063095

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article6868457/Der-Kampf-fuer-einen-wuerdevollen-Tod.html

Ein Beitrag wird auch im SPIEGEL erscheinen.

Zahlreiche Autorenlesungen sind bundesweit vorgesehen. Dr. de Ridder wird vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) unter anderem nach Stuttgart, Hamburg, Greifswald eingeladen.

Die erste Veranstaltung nach Leipzig, die jetzt am 24.März, 18 Uhr, in Berlin stattfindet, ist ausgebucht (Anfragen nach Wartelisteplätzen über mail@patientenverfuegung.de). Nur fünf Tage später findet eine weitere Lesung in Berlin mit de Ridder statt, veranstaltet vom Tagesspiegel (29.3. 19.30 Uhr) siehe: http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,3063097

Und so geht es an zahlreichen Orten im April Mai weiter, Auswahl hier.

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„Hoelderlin.blog“ zu Dr. de Ridder mit Möglichkeit Kommentare einzustellen hier

 

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