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Menschheits- und Christen-Ethos: Gegen kirchliche Bevormundung

21. Februar 2009

Einen Beitrag zur Sterbehilfe-Diskussion, in der es doch in erster Linie um die Menschenwürde alter, kranker, pflegebedürftiger und sterbebereiter Menschen geht, hat der katholische Theologe Hans Küng in der FAZ geschrieben. Darin richtet er mehrfache Appelle:

„ … Wie kann der Mensch auch im Sterben seine Würde bewahren? Viele Facetten dieser Frage wären hier zu beleuchten. Doch spitzt sie sich in der heutigen Situation unausweichlich zu auf die Problematik der Hilfe zum Sterben. Dass das Leben eine Gabe des Schöpfer-Gottes ist, stellt für gläubige Menschen wie mich eine Selbstverständlichkeit dar. Dass das Leben aber zugleich eine gottgegebene Aufgabe des Menschen ist, die er möglichst bis zur letzten Phase seines Lebens selbstverantwortlich wahrzunehmen hat, sollten heute gerade gläubige Menschen ebenfalls nicht bestreiten. …

Ein Appell zuerst an die Juristen:
Sie mögen ihre lobenswerten Bemühungen um mehr Patientenautonomie fortsetzen und sich verstärkt für gesetzliche Regelungen im Zivil- wie im Strafrecht einsetzen. Patientenverfügungen sollten von allen Instanzen unbedingt respektiert werden. Dann sollte für die Sterbehilfe (auch gegenüber Missbrauchsgefahren) Rechtssicherheit geschaffen werden, um nicht zuletzt den Ärzten die Furcht vor Strafverfolgung zu nehmen. …

Ein Appell an die Ärzte:
Viele Ärzte bemühen sich ernsthaft, im konkreten Fall angesichts der völlig unsicheren Rechtslage auf eigenes Risiko eine humane Lösung zu finden. Sie mögen den Mut aufbringen, offen zu diskutieren, wie es um die ärztliche Sterbebegleitung wirklich steht, was sich alles in Grauzonen abspielt und wie nicht nur Patienten mit guten Privatkontakten oder dickem Geldbeutel, sondern allen Patienten zur Selbstbestimmung verholfen werden könnte. … Lehrstühle für Palliativmedizin sollten vermehrt geschaffen, alle angehenden Ärzte in Palliativmedizin unterrichtet und noch mehr Palliativstationen in den Krankenhäusern und Hospize eingerichtet werden.

Ein Appell an die Politik:
Die Parlamentsabgeordneten mögen allen Druckversuchen widerstehen und humanere Sterbehilfegesetze, wie von der Großzahl der Bürgerinnen und Bürger gewünscht, nicht länger hinauszögern. Auf die Schaffung neuer juristisch anfechtbarer Strafrechtsparagraphen für ein Verbot von Sterbehilfeorganisationen wird man besser verzichten und stattdessen zügig gesetzliche Regelungen zunächst einer streng verbindlichen Patientenverfügung (außer sie würde ausdrücklich widerrufen) auf den Weg bringen. …

Ein Appell aber auch an die Kirchen:
Kirchenleute und Theologen aller christlichen Konfessionen mögen nicht in Schwarzweißmalerei ein angeblich „christliches Menschenbild" gegen ein „weltlich-humanistisches" ausspielen und theologische Pseudoargumente gegen die Selbstverantwortung des Menschen in seiner letzten Lebensphase weiterkolportieren. Generalisierungen („Was wäre, wenn alle…") sind ebenso zu vermeiden wie der Sachfrage ausweichende, allzu emotionale Erwägungen und Leidensverklärung. … "
Quelle: http://www.faz.net

Auch der renommierte evangelische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf (München) hat in dieser Woche den Kirchen vorgeworfen, in der Debatte um Sterbehilfe und Patientenverfügung die Bürger zu bevormunden. „Im Streit über die Sterbebegleitung sind die Kirchen den gesellschaftlichen Erwartungen nicht gerecht worden", schreibt der Theologe in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung (Donnerstagsausgabe). Darin kritisiert Graf, die Kirchen hätten lange Zeit die Sorgen und Nöte der Bürger ignoriert …
Siehe sein Beitrag: http://www.sueddeutsche.de


Roger Kusch gibt Druck nach und bietet keine Suizidhilfe mehr an:
http://www.mopo.de

Nachkritik der Anne-Will-Sendung vom letzten Sonntag zu: „Pflegenotstand – Angehörige überfordert – Politik machtlos?"
http://www.sueddeutsche.de

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