Inhalte

Palliativmedizin im Koalitionsvertrag – Mythos und Realität

12. Dezember 2013

Ärzte begrüßen geplanten Ausbau der Pallitivmedizin

Die Steuerungsgruppe der Charta Palliativmedizin hat einen im Koalitionsvertrag vorgesehenen Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung begrüßt. Dort heißt es für die kommende Legislaturperiode: Zu einer humanen Gesellschaft gehört das Sterben in Würde. Wir wollen die Hospize weiter unterstützen und die Versorgung mit Palliativ­me­dizin ausbauen.

Im Vorfeld hatten die Bundesärztekammer, die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin und der Deutsche Hospiz- und Palliativverband sich in einem gemeinsamen Schreiben an Verhandlungsführer einiger Koalitionsarbeitsgruppen gewandt und gefordert, die Rechte von Schwerstkranken und Sterbenden zu stärken.

Quelle: www.aerzteblatt.de/Aerzte-begruessen-geplanten-Ausbau-der-Palliativmedizin

Versorgungsstrukturen müssten stärker miteinander vernetzt, Aus-, Weiter- und Fortbildung ausgebaut und Forschungsvorhaben gefördert werden. Wer möchte diese Leitlinien, mit denen die Verbände und Organisationen für eine Verbesserung der medizinischen, ethischen und juristischen Rahmenbedingungen plädieren, nicht unterstützen. Doch wird ein unbegründeter Allmachtsanspruch der relativ jungen Fachdisziplin Palliativmedizin von namhaften Pionieren der Hospiz- und Palliativ-Versorgung auch zunehmend kritisch gesehen.

 

Von Pallitivmedizin profitieren zu 90 % Krebskranke allgemeinmedizinisch und dementiell Erkrankte bleiben außen vor

So beschreibt der Palliativ-Professor Gian Domenico Borasio in seinem Buch Über das Sterben (C.H. Beck-Verlag, 2011) das Auseinanderklaffen von Mythos und Realität (S. 174 ff). Er spricht von einem verwirrenden Verteilungskampf“ um die von der Politik für den Ausbau der Sterbebegleitung zur Verfügung gestellten Finanzmittel:

>> Allein für die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV ) geht es deutschlandweit um etwa 240 Millionen Euro pro Jahr. Ein erster Durchbruch gelang durch die Einrichtung eines Lehrstuhls für Palliativmedizin 1999 an der Universität Bonn. Dieser hatte aber einen kleinen Schönheitsfehler: Es handelte sich um einen Stiftungslehrstuhl aus Mitteln der Pharmaindustrie.

In ganz Deutschland () tobt seit Jahren ein Machtkampf um die Beherrschung des Fachs Palliativmedizin, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt abläuft Die beiden Streithähne, welche die Kontrolle über die Palliativmedizin für sich reklamieren, sind mächtige Fächer: die Anästhesie [aufgrund der Schmerztherapie] und die Onkologie [aufgrund des absoluten Überwiegens von Krebspatienten in der Palliativmedizin]. Bei Lichte besehen, halten beide Ansprüche einer Überprüfung durch die Realität nicht stand: Zwar sind tatsächlich vorwiegend aus historischen Gründen über 90 % der Patienten in deutschen Palliativstationen und Hospizen Krebspatienten, aber nur ein viertel der Bevölkerung stirbt an Krebs. Die Palliativversorgung von Patienten mit unheilbaren Herz-, Lungen-, Leber- oder Nierenkrankheiten, um nur einige Beispiele zu nennen, liegt weltweit im Argen. Ebenso verhält es sich mit der Betreuung von Schwerstkranken mit neurologischen Erkrankungen und hochbetagten Demenzpatienten, die in Zukunft die größte Gruppe der Sterbenden darstellen wird….

Warum bemühen sich angestammte, große Fächer so sehr um die Beherrschung der `kleinen´ Palliativmedizin? Dabei fällt auf, dass die Gleichsetzung von Palliativmedizin und Schmerztherapie, die vor allem von anästhesiologischer Seite betrieben wird, eindeutige Vorteile für die pharmazeutische Industrie hat.

Das Fach, mit dem die Palliativmedizin [aber] die größte Schnittmenge besitzt, ist nicht die Anästhesiologie oder die Onkologie [Krebsmedizin], sondern die Allgemeinmedizin [!]. Im Grunde ist Palliativmedizin nichts anderes als hochspezialisierte Allgemeinmedizin am Lebensende.<< (Borasio. a.a.O., S. 174 ff).

Anmerkung: Prof. Borasio, Jahrgang 1962, hatte von 2006 2011 als Lehrstuhlinhaber für Palliativmedizin an der Universität München ein bisher einzigartiges Netzwerk geschaffen. Er hatte dort jedoch mit vielerlei widrigen Umständen zu kämpfen und nahm schließlich einen Ruf an die Universität Lausanne, Schweiz, an (Lehrstuhl für Palliativmedizin). Er gilt als einer der führenden Palliativmediziner Europas.

Stuttgarter Nachrichten: Palliativstationen der Stadt stehen unter zunehmendem finanziellen Druck

>> … Unsere Patienten haben den Tod vor Augen, sagt Oberärztin Dr. Elisabeth Bürger. Auf der Palliativstation steht nicht Heilung im Mittelpunkt, sondern die Linderung von körperlichem und seelischem Leiden und die Bewältigung sozialer Probleme. Die Menschen wollen ohne Schmerzen und Ängste ihre Situation aufarbeiten. Dazu geben wir ihnen Sicherheit in der Abschiedsphase, erklärt Bürger. Das Wohl des Patienten ist ihr ärztlicher Auftrag. Doch zunehmend sieht sich die Gründerin der Palliativstation mit einem zweiten, ganz anderen Auftrag konfrontiert: Bürger soll sparen.

Der Kostendruck der Krankenkassen beeinflusst bereits unser Handeln … , kritisiert Dr.Bürger. 2012 habenBürger und ihr Team 410 Patienten versorgt. Deren durchschnittliche Verweildauer war 15,2 Tage was deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Solche Abweichungen machen den Medizinischen Dienst der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen (MDK), bei denen 90 Prozent der Deutschen versichert sind, hellhörig.

Wir erhalten massiven Druck wegen unserer Liegezeiten vom MDK, sagt die Oberärztin. Die Liegezeit ist das Maß der Dinge bei der Kostenerstattung der Kassen. Im Streitfall verlangt der MDK eine akribische Dokumentation und Begründung der längeren Behandlungsdauer. Doch viele Faktoren entzögen sich ihrer Einflussmöglichkeit, ärgert sichBürger. Viele Patienten auf der Station sind zu krank fürs Pflegeheim oder für zu Hause, aber zu wenig krank für ein Hospiz, sagt sie.

Ein Umfrage unserer Zeitung ergibt, dass alle vier großen Kliniken in Stuttgart mit ihrer Palliativabteilung unter ähnlichem finanziellen Druck stehen. Das Marienhospital rechnet mit Tagessätzen ab; während das Robert-Bosch-Krankenhaus, das Diakonie Klinikum und das Klinikum Stuttgart wie die allermeisten Kliniken nach Wunsch des Gesetzgebers über Fallpauschalen ansetzen, bei denen die Kassen je nach Diagnose Festbeträge zahlen. Beide Abrechnungsformen sind bei weitem nicht kostendeckend, klagt Ulrike Fischer, Sprecherin der Klinikums Stuttgart. Eine Palliativstation kann nicht kostendeckend arbeiten, sagt Frank Weberheinz, Sprecher des Diakonieklinikums. <<

Quelle Stuttgarter Nachrichten: Palliativmedizin: Was darf Sterben kosten?

 

Lasst den Sterbenden ihre Hoffnung – auch Kübler-Ross wehrte sich mit aller Kraft gegen den Tod

Einen Einwand ganz anderer Art formuliert der Psychotherapeut und Theologe Prof. Ernst Engelke:

Die Forderung der Hospiz- und Palliativbewegung, der Sterbenskranke möge doch seinen bevorstehenden Tod annehmen, sei nicht nur weltfremd, sie ist inhuman. Viele unheilbar Kranke wehren sich noch Stunden vor dem Tod gegen ihr Sterben und hoffen auf ein Wunder. Die Verfasser der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ forderten demgegenüber in ihren Leitsätzen: „Krank werden, älter werden und Abschied nehmen sowie damit verbundenes Leiden sind als Teil des Lebens zu akzeptieren.“ Dies gehe aber an der Realität vorbei: Sterbenskranke Menschen protestieren oft noch gegen ihr Leiden und ihren drohenden Tod. Und sie verweigern die Zusammenarbeit mit den Ärzten, wenn diese ihren Widerstand und ihre Hoffnung nicht dulden. Überredungsversuche führten zu Streit und Rückzug der Patienten.

Auch so manche Hundertjährige möchten noch ein bisschen leben und schmieden Zukunftspläne. Erkrankungen werden bekämpft. Doch wird jemand sterbenskrank, soll er auf einmal seine Erkrankung, sein Leiden und sein Sterben als Teil seines Lebens akzeptieren. Wer tut das wirklich?

Plötzlich wehrte sie sich mit aller Kraft gegen den Tod

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross, die die „fünf Phasen des Sterbens“ definierte, forderte: „Man muss loslassen können. Wenn der Sterbende und seine Familie das akzeptieren, ist es das Schönste überhaupt.“ Doch als sie 2004 selbst sterbenskrank war, wehrte sie sich mit aller Kraft gegen ihren Tod. <<

Anmerkung: Professor Ernst Engelke, Jahrgang 1941, gehört zu den Pionieren der Hospiz- und Palliativbewegung. Er arbeitete u. a. auf den Palliativstationen der Stiftung Juliusspital Würzburg mit. 2012 veröffentlichte er das Buch „Gegen die Einsamkeit Sterbenskranker. Wie Kommunikation gelingen kann“ (Lambertus Verlag).

Quelle: www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/palliativmedizin-sterbenskranke-muessen-den-tod-nicht-akzeptieren

 

print