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Spirituelle Hospiz-Fraktion fordert mehr Wachsamkeit

19. Dezember 2009

Die Anerkennung von verschiedenen weltanschaulichen Auffassungen in der Hospizarbeit fällt nicht allen leicht. Die Stuttgarter Zeitung brachte zum Adventsbeginn ein religions- und weltanschauungsübergreifendes Gespräch mit drei Hospiz-Vertreter/-innen. Es ging darin um die jüngste Entwicklung, dass in der württembergischen Hauptstadt das bisherige christliche Hospizmonopol durch ein weiteres Angebot der AWO zusammen mit den Humanisten ergänzt werden soll. 

Die AWO hat für ihre Pflegheime besondere Formen der Abschiedskultur entwickelt, die Humanisten sollen weitere Bausteine für ein weltlich orientiertes Hospizkonzept beisteuern. Zumindest die evangelische Vertreterin Annedore Napiwotzky hält dies im Interview für ausgesprochen überflüssig und tut sich schwer mit der Akzeptanz. Bemerkenswert:  Dabei geht es beim Streit um die Sterbebegleitung, wie die Stuttgarter Zeitung titelt, gar nicht um religiöse Fragen, sondern um das Monopol um die einzig  richtige Haltung in der Hospizarbeit. Hier: http://www.patientenverfuegung.de/info-datenbank/2009-12-17/Hospiz-religion-spielt am-ende-keine-rolle-mehr

Dies lässt sich im evangelisch geprägten Stuttgart (wo sich Katholiken in der Diaspora befinden) wie unter einem Brennglas beobachten. Denn das Hospiz Stuttgart, ein evangelischer Leuchtturm mit ambulanten, stationären und nachsorgenden Angeboten für sterbende Erwachsene und Kindern, hat dazu eine hochbrisante Vorgeschichte vorzuweisen:

Unüberbrückbare Konflikte über den spirituellen Kern der Hospizarbeit hatten dort zur Kündigung des ärztlichen Leiters, des Palliativmediziners Dr. Dietmar Beck geführt.

Kleiner Unterschied – tiefer Graben

Was die meisten Menschen bisher noch gar nicht registriert haben: Es gibt einen mehr oder weniger deutlich ausgetragenen Unterschied zwischen ärztlich orientierter Palliativ- und Schmerzlinderung einerseits und hospizlich-spiritueller Begleitung andererseits.

Ein Streitpunkt dabei ist die Sedierung. Darunter verstehen Mediziner die Verabreichung von Medikamenten, die nicht nur starke Schmerzen nehmen, sondern nach Absprache mit den Betroffenen – auch das Bewusstsein von Sterbenden dämpfen.  Spirituell begleitetes Sterben hingegen hat keinesfalls rasch und bewusstseinsgetrübt zu geschehen. Vielmehr gehören Ansprache bis zuletzt und auch gelegentliches Stöhnen und Seufzen zu einem seligen Ende dazu.

Die Kontroversen über das, was als richtige und was als falsche Hospizidentität zu gelten hat,  spitzte sich in Stuttgart derart zu, dass der ärztliche Hospizchef Dr. Dietmar Beck schließlich gehen musste. Als kommissarischer Leiter wurde der Dekan des Evang. Kirchenkreises Stuttgart, Hans-Peter Ehrlich, als seine Stellvertreterin die Theologin Dr. Annedore Napiwotzky eingesetzt.

Gekündigter Hospizchef: Medizinische Unterversorgung droht

Im Kern ging es um die Streitfrage, ob im Hospiz Stuttgart so genannten palliative bzw. terminale Sedierung angeboten werden soll oder nicht. Die Kritik des 2008 gekündigten Hospizchefs Dr. Beck war anschließend gravierend:

Es droht eine Unterbehandlung der Sterbenden„, hatte der Palliativmediziner nach seinem erzwungenen Weggang betont und damit öffentliche Aufregung ausgelöst. Siehe

Der evangelische Stadtdekan Ehrlich, Becks Nachfolger, hatte diesen Vorwurf zurückgewiesen und erklärt: Nach wie vor liege die medizinische Betreuung in der Verantwortung der Hausärzte und der behandelnden Ärzte. Das Hospiz steht allerdings nicht für eine terminale Sedierung„, betonte Ehrlich. 

Der evangelische Trägerverein als Arbeitgeber scheute die weitere Austragung des Arbeitsgerichtsprozesses denn an der medizinischen Arbeit des Palliativmediziners war selbst von Arbeitgeberseite nichts zu beanstanden. So kam es zu einer Abfindung von 100.000 Euro dafür, dass Dr. Beck dem Hospiz Stuttgart für immer den Rücken kehrte. „Der Betrag schmerzt“, sagte Stadtdekan Ehrlich und versprach, dafür würden aber keine Spendengelder verwendet.

Dr. Beck hatte große Pläne auch in der Geriatrie

Nach langem Tauziehen war man den Palliativmediziner Dietmar Beck also wieder losgeworden. Worum ging es eigentlich? Das Fazit von Stadtdekan Ehrlich: „Es hat einfach nicht zusammengepasst.“ Bei der Arbeit des Palliativmediziners sei die spirituelle und psychosoziale Dimension zu kurz gekommen.

Dabei hatte das evangelische Haus im Januar 2007 seinen neuen Leiter, zuvor Oberarzt an der Uniklinik in Göttingen, als Hoffnungsträger angesehen. Er wurde mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag willkommen geheißen. Beck war mit großen Plänen nach Stuttgart gekommen. Er wollte nicht nur im Hospiz ein würdevolles, schmerzfreies Sterben ermöglichen, sondern setzte sich auch dafür ein, dass die Palliativversorgung in Pflegeheimen verbessert wird. Pläne für ein Palliativ-Netzwerk hatte er viele, aber auch die Zahl seiner Widersacher wuchs. Es ging um seine Haltung, die vielen als zu liberal und unchristlich erschien.

Tiefe Gräben Hospizidentität erfordert „Wachsamkeit“

Den Ärger provoziert hat wohl nicht zuletzt die Haltung von Dietmar Beck im Fall der Wachkomapatientin Ingeborg Klein. Bei ihr war auf Wunsch ihres Sohnes als Betreuer nach Jahren des Komas die Sondennahrung eingestellt worden, unterstützt von der RA Petra Vetter.

Ein Sterben-Lassen, das Prof. Christoph Student, Becks Vorgänger im Hospiz Stuttgart, auf das schärfste kritisiert und öffentlich als Mord bezeichnet hatte. Dietmar Beck dagegen wagte es, RA Vetter eine renommierte Expertin auch für Patientenverfügungen – als Referentin zu einer medizinrechtlichen Fortbildung einzuladen. Beide engagieren sich im medizin-ethischen  Netzwerk Palliativ-care-stuttgart

 
Der Graben zwischen der medizin-ethischen und der spirituellen Fraktion im Hospiz wurde dann über den Streit um die mögliche Sedierung Sterbender noch tiefer.

Palliativ-Care als „Deckmantel“ für Euthanasie

Aus der Sicht der Kirchenvertreter ist die terminale Sedierung ein Affront gegen die Grundsätze des Hospizes und als schleichende Euthanasie eine Form der (aktiven) Sterbehilfe. Dasselbe gilt für die palliative Begleitung bei Verzicht auf künstliche Ernährung bei Pflegeheim-Patienten, die zwar schwer dementiell erkrankt sind und nicht mehr essen können, aber künstlich ernährt mit einer PEG-Sonde noch weiterleben könnten.

Annedorte Napiwotzky, nach der Ära Beck stellv. Leiterin vom Hospiz Stuttgart, brachte ihre ernste Sorge über den Verlust der hospizlichen Identität im Jahresbericht 2008 zum Ausdruck. Ihr einleitender Beitrag trägt die provozierende Überschrift Wird die Hospizbewegung eigentlich noch benötigt?

Als Gefahrenszenarion malt Frau Napiwotzky darin aus: Gerade der überwältigende Erfolg der Hospizidee führe dazu, dass Andere davon angezogen werden und diese dann aber verfälschen. Sie fragt und antwortet dann selbst: Welche Professionen bemächtigen sich ihrer die JuristInnen, die MedizinerInnen? … Sollen die Menschen, die gar nicht sterbend sind, unter dem Deckmantel der Palliativ Care fürsorglich zu Tode kommen? Das darf auf keinen Fall geschehen! Gerade deshalb braucht es eine wache Hospizbewegung ….

Etwas zum Lachen und Anlass zur Freude

 

Erklärbar ist die Aufforderung zu besonderer Wachsamkeit und die unduldsame Haltung eines evangelischen Hospizes gegenüber seinem ärztlichen Leiter vielleicht nur mit dem Hang der schwäbischen Seele zu (antiaufklärerischem) Pietismus. Das ist zwar für die ausgegrenzten Beteiligten nicht eben witzig, fordert aber heraus, hierzu den folgenden Witz zum Besten zu geben.

Er handelt von einem alteingesessenen Schwaben, der auf dem Sterbebett im evangelischen Krankenhaus noch zum Katholischen Glauben übertreten wollte. Als sein Umfeld ihn entsetzt nach dem Grund fragte, hauchte der Todgeweihte: Besser es schdirbt oiner von dene, als von ons. 

Wenn Sie gern mit uns lachen, möchten Sie sich vielleicht auch mit uns freuen? Sie sehen hier auf dem Foto unser Patientenverfügung-Team beim Auspacken Ihrer Weihnachtspost.

Ihre Patientenverfügung-newsletter-Redaktion wünscht einen nachdenklichen Advent

 

 

 
 
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