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Im Gedenken an Fritz J. Raddatz: Für Fakten statt Fiktionen

1. März 2015

Zum begleiteten Freitod von Fritz J. Raddatz:

Streiter für Fakten statt fiktivem “Quatsch” in der Gesetzgebungsdebatte

Eingeweihte waren schon länger darüber informiert, dass Fritz J. Raddatz eine begleitete Selbsttötung vorbereitete. Der streitbare Literaturkritiker, Dandy, Essayist und Autor beging ihn am Donnerstag im Alter von 83 Jahren. In Interviews und Beiträgen hatte Raddatz immer wieder den Anspruch auf straffreie Hilfe zu einer freiverantwortlichen Selbsttötung beansprucht.

Er wandte sich dagegen, diese Suizidenten als bedauernswerte, zu bemitleidende Menschen geringzuschätzen, die tragischerweise nur noch diesen letzten Ausweg sehen würden oder denen wohl das Wissen um palliativmedizinische Alternativen gefehlt hätte. Raddatz verlangte vielmehr Respekt ohne Wenn und Aber. Mit scharfem Verstand analysierte er die gegenwärtige politische Debatte als unsachgemäß (s.u.).

Raddatz sei noch voll auf der Höhe gewesen, deshalb sei der Freitod seines Weggefährten für ihn besonders schmerzlich, so Rolf Hochhuth – der vergeblich versucht hatte, ihn zum Weiterleben zu ermutigen. Der Autor eines Nachrufs in der FAZ sieht das anders, obwohl sonst diese Zeitung geschäftsmäßig organisierte Suizidhilfe (für die Normalbevölkerung!) als dubios und verbotswürdig darstellt. (Man kennt das hinlänglich sobald diese Hilfe von einer Berühmtheit beansprucht wird, demonstriert die Publizistik Wohlwollen). Im FAZ-Nachruf zu Raddatz ist zu lesen: Dass ihm das gelungen ist am Ende, dieser Abgang, selbstbestimmt und würdevoll, das ist, bei all der Traurigkeit, die die Nachricht seines Todes auslöst, schön und beinahe tröstend. Fritz J. Raddatz ist in dem Moment von dieser Welt gegangen, den er sich ausgesucht hat. Lange schon hat er sich darauf vorbereitet.

Gründliche, langjährige Vorbereitung

Ja, und zwar gründlich im weitesten Sinne. Wie seinen Tagebuchnotizen zu entnehmen, rechnete er sich vor 10 Jahren aus, wie lange sein Geld wohl noch reichen würde (angesichts seines aufwendig-eleganten Lebensstils). Mit Siebzig kaufte er sich eine Grabstätte auf Sylt, zwischen Suhrkamp, Avenarius und Baedeker, mehr kann man nicht verlangen. Vor fünf Jahren nahm er die Expertise der Zentralstelle des Humanistischen Verbandes in Anspruch, um sich eine maßgeschneiderte optimale Patientenverfügung erstellen zu lassen. Im Frühjahr diesen Jahres hatte er die Kampagne Mein Ende gehört mir mit seinem Foto unterstützt.

Gegen unsachgemäße Diskriminierung von deutschen Sterbehilfevereinen

Brilliant und scharfsinng (dabei durchaus bissig) wies er die aktuellen Verbotsvorstellungen von Bundestagsabgeordneten zurück, die sich gegen bestehende deutsche Sterbehilfevereine richten. Der kirchenpolitischen Sprecherin der SPD, Kerstin Griese, hält er entgegen: Sie zähle genau zu jener Spezies Staatsbeamte, die uns mit ihrer menschenfremden Stumpfheit weit wegtreiben von der Politik. Raddatz forderte Wir wollen Fakten statt Fiktionen und beklagte, dass nicht nur in der Politik, sondern auch in der Publizistik geschluchst, gedroht, geschimpft und gefaselt aber nicht recherchiert werde (er läßt nur eine Ausnahme gelten: den WELT-Kollegen Matthias Kamann).

Raddatz stellt die Fakten wie folgt dar: >> Es gibt in der Schweiz überhaupt nur eine einzige Institution, die deutschen Staatsbürgern Hilfe beim Suizid anbietet. Im Gegensatz zu meinen fahrlässig insinuierenden Kollegen habe ich mich ausgiebig mit deren Leiter Ludwig Minelli und seinen Mitarbeitern unterhalten und kann Auskunft geben: geradezu bürokratische, jedenfalls ausgefeilt penible Prozeduren müssen absolviert, mehrere Gutachten deutscher, dann schweizerischer Ärzte müssen eingeholt werden Meines Kollegen Martin Walsers Wort “dann fahre ich nach Zürich und hole mir einen anständigen Tod” ist so fiktiv wie seine Romane. Das Diskriminierungsspiel ist infam. Dies auch gegenüber dem ehemaligen Hamburger Justizsenator Roger Kusch und seinem Verein “SterbehilfeDeutschland”, der nicht in finster-geheimnisvollen Kellergewölben tagt, sondern wo stets öffentlich diskutiert wird. Der Mann ist hochreflektiert, philosophisch wie moralisch gebildet, kein mordlustiges Büb’chen <<. Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/Bei-der-Sterbehilfe-wollen-wir-Fakten-statt-Fiktionen

Raddatz zu Kerstin Griese: “Den Quatsch, Dame, begehr ich nicht”

An anderer Stelle fürt Raddatz aus: >>… Zur Würde des Menschen gehört der Tod. Ich verbitte mir, dass irgendjemand, dem ich mein Leben schließlich nicht verdanke, mir (und vielen Alten, Kranken, müde Gewordenen, der Last des Lebens nicht mehr Gewachsenen) diese letzte Würde nimmt.<< (“Literarische Welt” vom 28. Dezember 2013)

>> Noch einmal und immer wieder: Ich verlange Anstand, Anerkennung und Ehrfurcht für jeden Menschen, der sein Leben beenden möchte und der Hilfe dazu braucht. Es ist schändlich, Tränen zu vergießen bei Michael Hanekes Film “L’Amour” oder Klaus Maria Brandauer in “Die Auslöschung” aufregend-genial zu finden; sich erschüttert zu zeigen darüber, dass der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf sich erschoss (Beihilfe durch Verkauf der Pistole?) oder dass Helmut Kohls Frau Hannelore sich umbrachte (Beihilfe durch Verkauf des Medikaments?) und dann wie die Talkshow-Mamsell Kerstin Griese, sie nennt sich “Sozialpolitikerin”, über “Rechtssicherheit und Freiheit für Abwägungen” zu perorieren. Den Quatsch, Dame, begehr ich nicht. Da reimt sich infam auf inhuman. Das ist genau jene Spezies Staatsbeamte, die uns mit ihrer menschenfremden Stumpfheit weit wegtreiben von der Politik; der wir nicht zu dienen haben. << (“Literarische Welt” vom 23. August 2014 sowie http://www.welt.de/print/die_welt/literatur )

Hintergrund zur Qualität (zum Quatsch) der politischen Debatte

Kerstin Griese versucht nach eigenen Angaben zwei Ziele zu erreichen: “Zum einen müssen wir die Tätigkeiten jener Sterbehilfe-Vereine unterbinden, die Menschen die Selbsttötung als Dienstleistung ohne persönliche Bindung anbieten, dabei die besser Zahlenden bevorzugt behandeln und überdies Suizide bei psychisch Kranken und körperlich Gesunden ermöglichen.” Zum anderen, so Griese, sei “im offenen Dialog besonders mit der Palliativmedizin” zu klären, wie etwa bei einer sogenannten palliativen Sedierung, schwerkranken Menschen mit Hilfe hoch dosierten Morphiums die Möglichkeit einer sanften, zuweilen durchaus vorzeitigen Lebensbeendigung gegeben wird. “Hier”, sagt Griese, “brauchen Ärzte und Pflegende mehr Rechtssicherheit und Freiräume für Abwägungen mit ihren Patienten und deren Vertrauten.” Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland

Zusammen mit ihrer SPD-Parteifreundin Dr. Eva Högl hat sie das Positionspapier verfasst, in dem sich beide als Weg der Mitte jenseits zwei Polen zu profilieren versuchen: Wir schlagen einen Weg in der Mitte vor, zwischen einem Verbot aller Maßnahmen am Lebensende, die das Sterben erleichtern, auf der einen Seite und einer Öffnung und Ausweitung von aktiver Sterbehilfe bis zur Legalisierung der Tötung auf Verlangen auf der anderen Seite. Dumm nur, dass niemand in der Debatte um die anstehende Regelung der Suizidhilfe eine der beiden Extrempositionen vertritt: Wer sollte denn bitteschön ein Verbot aller sterbeerleichternden Maßnahmen am Lebensende gefordert haben? Und wer bitteschön umgekehrt die Legalisierung der Tötung auf Verlangen? Raddatz fehlt wie drastisch hätte er wohl diesen behaupteten Weg der Mitte kommentiert?

Vorankündigung Organisierte Suizidhilfe in Deutschland Praxis, Probleme, Persepektiven

Der Humanistische Verband Deutschlands wirdam 3. Juni eine Veranstaltung zur Organisierten Suizidhilfe durchführen. Dabei sollen nach dem Motto hart aber fair beide Seiten auf den Prüfstand gestellt werden – sowohl die Vertreter der beiden hierzulande tätigen Sterbehilfeorganisationen (SterbehilfeDeutschland und Dignitas) als auch Vertreter/innen von Gruppenanträgen zur Suizidhilfe im Bundestag.

Zeit: 3. Juni, 18 Uhr, Ort: Akademie der Wissenschaften Berlin/Brandenburg (Berlin-Mitte, am Gendarmenmarkt), Eintritt frei.

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